Zwei besondere Trio-Rezitals

In den Wintermonaten geben sich im Großen Saal des Gewandhauses Weltstarts mit zwei ungewöhnlichen Rezitals die Ehre. Im Januar freuen wir uns auf Gidon Kremer, Mischa Maisky und Martha Argerich, im Februar begrüßen wir die »Jugendriege« Jean-Yves Thibaudet, Lisa Batiashvili und Gautier Capuçon.

Man kann die beiden Herren nur beneiden. Einerseits um das für jeden Musiker so beglückende Erlebnis, sich mit der großartigen Martha Argerich die Bühne zu teilen, vom Spiel dieser Jahrhundertpianistin inspiriert und zu Momenten musikalischer Magie befeuert zu werden. Zu beneiden sind die beiden aber auch um ihren Wagemut, sich auf das vor Enerige berstende, quecksilbrige, fantastisch schillernde Klavierspiel dieser Vollblutmusikerin einzulassen.

Denn routiniert-perfekt, auf Konvention oder gar Sicherheit bedacht zu musizieren, liegt »La Martha« auch mit 80 Jahren so fern wie in ihren Jugendtagen, als sie nach dem Sensationssieg beim Warschauer Chopin-Wettbewerb mit pianistischer Urgewalt durch die Klavierwelt fegte. Das wissen und spüren ihre Mitspieler, selbst wenn diese Gidon Kremer oder Mischa Maisky heißen und auf eine nicht minder beeindruckende Weltkarriere zurückblicken können.

Argerich, die sich immer dem Druck ausgesetzt sieht, Erwartungen zu erfüllen, die sie selbst geweckt hat, fühlt sich mittlerweile in der Kammermusik am wohlsten. Davon zeugt ihr im schweizerischen Lugano initiiertes und mittlerweile in der Hamburger Laeiszhalle fortgesetztes Festival, wo sie sich ganz nebenbei als generöse Förderin des aufstrebenden Nachwuchses hervortut. Nicht von ungefähr war ihr bisher letztes Gastspiel im Gewandhaus 2019 ein Duo-Rezital mit Gidon Kremer, wie Maisky einer ihrer lebenslangen Weggefährten. Argerich und Kremer, den 1947 in Riga geborenen Spross einer deutsch-schwedisch-lettischjüdischen Geigerdynastie, verbindet dasselbe Verständnis von Kammermusik – als Werkstatt eines offenen, improvisatorischen, lustbetonten Musizierens.

Kremer ist eine Instanz im Musikleben unserer Zeit. Unbekannte und unterschätzte Komponisten des 20. Jahrhunderts finden in ihm einen ebenso engagierten wie kompetenten Anwalt. Er machte den Namen Alfred Schnittkes weltweit berühmt, ist maßgeblich daran beteiligt, das Werk Mieczysław Weinbergs für den heutigen Konzertbetrieb wiederzuentdecken. Dessen monumentale erste Sonate für Violine solo hatte Kremer dem Leipziger Publikum zuletzt vorgestellt, diesmal steht das zweite, 1944 entstandene Klaviertrio von Weinbergs Zeitgenossen und Unterstützer Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm.

Musik, in der sich die ganze Tragödie einer durch Tod und Qual hindurchgegangenen Generation Bahn bricht. Aura und Ausstrahlung Argerichs, ihr rhapsodisches, herausforderndes Spiel verspricht in Kremers existenziell-entgrenztem Geigenton ein Gegengewicht zu finden, dem Mischa Maiskys Cello die noble Grundierung verleiht.

Wenn Martha Argerich am Klavier sitzt, ist die unweigerliche Folge, dass sich das Instrument in ein Kraftwerk der Gefühle verwandelt. Hingegen versteht es der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet, Jahrgang 1961, seine Rolle des Trio-Partners mit sensibler Zurückhaltung auszufüllen. Ein stärkerer Gegenpol zur argentinischen Klaviergöttin ist kaum vorstellbar. Thibaudet, der sich auch im Jazz heimisch fühlt und zuletzt 2018 bei »Klassik airleben« aufhorchen ließ, hat sich ein Programm ausgesucht, bei dem feinsinniges Begleiten Trumpf ist.

In Haydns spätem E-Dur-Trio sind koloristische Klangfantasie und kantable Linienführung gefragt. Beides hat der Franzose in seinem Spiel zur Perfektion kultiviert, was Landsmann Gautier Capuçon am Goffriller-Cello und Lisa Batiashvili an der Guarneri-Geige freuen wird. Rückhaltlos schwelgen dürfen die drei in Anton Arenskis d-Moll-Trio. Denn das Stück des russischen Spätromantikers und Rachmaninoff-Lehrers geizt nicht mit süffigen Themen, badet in elegischer Schönheit und besitzt ein ohrwurmverdächtiges Scherzo. Musikalisch herber und kompositorisch strenger geht es zu in Johannes Brahms’ zweitem Klaviertrio, das sich erst im Finale von seiner heiterausgelassenen Seite zeigt.

Wie wird das Ergebnis ausfallen, wenn vorwiegend als Solisten glänzende Stars ihres Faches in Kammermusikbesetzung aufeinandertreffen? Mit Gautier Capuçon befindet sich zudem ein ausgewiesener Orchestermusiker unter ihnen: Nachdem er seine Solisten-Schuldigkeit getan hatte (2019, mit Schumanns Cello-Konzert), setzte er sich wie selbstverständlich zu den Cellisten-Kollegen ins Gewandhausorchester und spielte den Rest des Konzertes bei ihnen mit. Der Mann hat offenbar seinen Spaß, wenn er am Augustusplatz Musik machen kann. Zwei unterschiedliche Musikergenerationen, zwei grundverschiedene Programme garantieren jedenfalls zwei hochspannende Kammermusik-Erlebnisse im Großen Saal. - Werner Kopfmüller

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