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Sächsische Erklärung der Vielen

Die Sächsische Erklärung der Vielen wurde am heutigen Freitag, 12. April 2019, von mehreren sächsischen Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen am Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz vorgestellt. Hierin bekennen sich 93 Einrichtungen zu gesellschaftlicher Vielfalt, zu Weltoffenheit und zu gelebter Demokratie. Sie solidarisieren sich mit Menschen, die durch eine ausgrenzende Politik und Ideologie an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Vor dem Hintergrund der spezifischen Situation in Sachsen hat sich eine Arbeitsgruppe aus Vertreter*innen von Wissenschaft, Kunst und Kultur zusammengefunden, die unter der besonderen Berücksichtigung der Heterogenität von Stadtgesellschaft und ländlichem Raum eine Sächsische Erklärung der Vielen erarbeitet hat. Der Erklärung ging ein breit gefächerter Diskurs voraus, der auf die Erfahrungen mit rechtspopulistischen Tendenzen in Sachsen nicht erst in jüngster Vergangenheit Bezug nimmt. Dabei war es ein zentrales Anliegen, diesen Diskurs auf die Vertreter*innen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft jenseits der kulturellen Ballungszentren auszuweiten und deren Position durch ein positives Bekenntnis zur Solidarität zu stärken.

Die bundesweite Initiative DIE VIELEN e.V. hat einen Diskurs ins öffentliche Bewusstsein gerückt, dem Wissenschaft, Kunst und Kultur bereits seit Jahren ausgesetzt sind: die Bedrohung der im Grundgesetz unter Artikel 5 verankerten Freiheit von Wissenschaft, Kunst und Kultur durch antidemokratische Kräfte. Seit dem 9.11.2018 wurden in ganz Deutschland 21 Erklärungen veröffentlicht, in denen über 2.500 Institutionen gemeinsam für die Wahrung dieser Freiheit, Demokratie und die Verteidigung der universellen Menschenrechte eintreten. Die heute vorgestellte Sächsische Erklärung der Vielen ist somit das 22. Bekenntnis zu diesen Werten und erhöht die Anzahl der Institutionen auf über 2.600.

Weitere Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen und Privatpersonen können sich der Sächsischen Erklärung der Vielen über die Homepage des Berliner Vereins DIE VIELEN anschließen oder direkt an erklaerung.sachsen@dievielen.deschreiben.

Statement der Erstunterzeichner Prof. Andreas Schulz, Gewandhausdirektor und Dr. Gereon Röckrath, Verwaltungsdirektor des Gewandhauses zu Leipzig:

„Das Gewandhaus zu Leipzig versteht sich als integrativer Ort, der mit seinen Angeboten allen Bevölkerungsschichten zugänglich ist. Wir sind der festen Überzeugung, dass eine freiheitlich demokratische Gesellschaft auf Basis des Grundgesetzes nur möglich ist, wenn das Miteinander von Achtung, Toleranz und Weltoffenheit geprägt ist und sich Kunst und Wissenschaft frei von ideologischer Vereinnahmung entfalten können. Vor dem Hintergrund der derzeit zu beobachtenden Bedrohung dieser Werte durch antidemokratische Kräfte haben wir uns für das Gewandhaus zu Leipzig der Sächsischen Erklärung der Vielen angeschlossen, um diese Werte gemeinsam mit Anderen zu verteidigen und um ein Zeichen der Solidarität mit Kultureinrichtungen zu setzen, die von Versuchen ideologischer Bevormundung und Diskreditierung bereits betroffen sind."

Sächsische Erklärung der Vielen

Sachsen war ein zentraler Schauplatz auf dem Weg zur Friedlichen Revolution. Im Herbst 1989 gingen hier zahlreiche Bürger*innen aller Generationen und Bevölkerungsschichten auf die Straße, um mit ihrem friedlichen Protest Demokratie, Freiheit, Freizügigkeit und Mitspracherechte einzufordern. Ihr Motto lautete: „Wir sind das Volk!“ Die sächsischen Bürger*innen haben damals bewiesen, dass eine mit demokratischen Mitteln geführte Debatte und der Zusammenschluss demokratisch gesonnener Kräfte eine Veränderung der Gesellschaft herbeiführen können.

Heute wird das Motto der Friedlichen Revolution von Rechtspopulist*innen missbraucht, die die Werte Freiheit, Toleranz und Solidarität für ihre Zwecke instrumentalisieren. Der dabei vorhandene verächtliche Umgang mit der Menschenwürde, mit Andersdenkenden und mit engagierten Kulturschaffenden und Wissenschaftler*innen ist nicht zu akzeptieren.

Als Kulturschaffende und Wissenschaftler*innen in Sachsen stehen wir nicht über den Dingen, sondern in der Verantwortung gegenüber der deutschen Geschichte und unserer Erinnerungskultur. Wir treten ein für demokratische Werte und die Grundrechte der Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit, der Religionsfreiheit sowie des Rechts auf Asyl und wehren jegliche Angriffe auf diese unverzichtbaren Wertegrundlagen unserer Gesellschaft entschieden ab.

Wir begreifen die Kultur, die Wissenschaft und ihre Einrichtungen, ihre urbanen und ländlichen Orte als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Wir verstehen Vielfalt und Weltoffenheit als Voraussetzung wie als Ziel gelebter Demokratie in Sachsen und verurteilen völkisch-nationalistisches Gedankengut und dessen Verbreitung; Diskriminierung sowie Gewalt jedweder Art.

Als unabhängige Akteur*innen im demokratischen und gesellschaftsbildenden Diskurs setzen wir uns ein für Freiräume der Fantasie und des Denkens und wehren uns gegen jegliche Vereinnahmung. Wir führen einen offenen und kritischen Dialog über undemokratische Strategien und Ziele und gestalten diesen Dialog in unseren Einrichtungen im Austausch mit dem Publikum. Uns eint die Gewissheit, dass durch das Wiedererlangen der Dialogfähigkeit und des respektvollen Umgangs miteinander eine angstfreie und lebenswerte Gesellschaft möglich ist.

Für uns ist die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft ein wesentlicher Bestandteil einer offenen, demokratischen und vielfältigen Gesellschaft, der wir uns auf dem Boden des Grundgesetzes und der Errungenschaften der Friedlichen Revolution verpflichtet fühlen. Unser Selbstverständnis ist es, für eine Gesellschaft einzutreten, in der sich alle Menschen unabhängig von sozialer oder kultureller Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, geistigen oder körperlichen Fähigkeiten, Alter oder sexueller Orientierung mit Respekt und Toleranz begegnen.

Wir verbinden uns solidarisch mit Menschen, die durch eine ausgrenzende Politik und Ideologie an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n!

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