Gustav Mahler in Leipzig

Die Mahler-Rezeption des Gewandhausorchesters beginnt mit Gustav Mahler selbst, der das Orchester als Kapellmeister an der Oper knapp zwei Jahre lang fast täglich dirigierte. Und sie endet bei einem Konzerthaus, das sich hör- und sichtbar zu Mahler bekennt: mit hinreißenden Interpretationen, Festivals von internationaler Strahlkraft sowie einer monumentalen Bildkomposition an seiner Schauseite.

Die gemeinsame Geschichte von Gustav Mahler und dem Gewandhausorchester beginnt nicht mit dem Komponisten im Konzertsaal, sondern mit dem Dirigenten in der Oper. Am Städtischen Theater in Leipzig, das als führende Wagner-Bühne galt, stand Mahler von August 1886 bis Mai 1888 fast täglich vor dem Gewandhausorchester. Mahlers Eltern erfuhren wenige Wochen nach seinem Amtsantritt: Das Orchester, das ich hier habe, ist wirklich eines der ersten der Welt.

Der 26-jährige Mahler kam als kaum bekannter Dirigent. Er verließ Leipzig als berüchtigter Orchestererzieher und gefragter Wagner-Interpret. Spätestens bei der Premiere seiner Ergänzung von Webers Opernfragment Die drei Pintos nahm ihn die gesamte internationale Musikwelt wahr. Der Musik Carl Maria von Webers als Dirigent verbunden, nahm sich Mahler der Aufgabe an, die zuvor Meyerbeer, Spohr und Brahms für unlösbar erklärt hatten. Im Auftrag des in Leipzig lebenden Enkels fügte Mahler die Bruchstücke zusammen, ergänzte Webers Musik um beträchtliche Eigenanteile und dirigierte am 20. Januar 1888 im Leipziger Stadttheater die vielbeachtete Ur- und prominent besuchte Folgeaufführungen. Neben dem sächsischen Königspaar fanden sich Hans von Bülow aus Bayreuth, der Kritikerpapst Eduard Hanslick aus Wien, der Münchner Kapellmeister Hermann Levi, der Dirigent des Kölner Gürzenich-Orchesters Franz Wüllner, Hofkapellmeister Ernst von Schuch aus Dresden, Opernintendanten aus Berlin, Dresden, Weimar, Hamburg, München und sogar ein Vertreter der New Yorker MET ein. Nicht alle waren restlos überzeugt – aber der stolze Dirigent und Bearbeiter konnte den Eltern mitteilen: Ich bin mit einem Schlage eine bekannte Persönlichkeit geworden und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt.

Auch dem Komponisten Mahler begegnete das Gewandhausorchester also zunächst in der Oper. Beflügelt vom Erfolg der Opern-Ergänzung brachte Mahler unmittelbar im Anschluss seine 1. Sinfonie zu Papier. Als gelegentlicher Lied-Komponist war Mahler nach Leipzig gekommen. Bei seiner Abreise hatte er den ersten sinfo­nischen Riesen, Skizzen zu einem zweiten und erste Wunderhorn-Lieder in der Tasche. In Leipzig war ihm klar geworden: Ich m u ß nun einmal komponieren.

Leipzig blieb ein Dreh- und Angelpunkt seiner Karriere. Die Weber-Bearbeitung, mehrere Lied-Sammlungen und drei seiner Sinfonien erschienen bei Leipziger Verlegern. Die Kontakte, die Mahler in Leipzig geknüpft hatte – hier war er Peter Tschaikowski, Ferruccio Busoni und Richard Strauss begegnet – erwiesen sich als folgenreich für seine weitere Laufbahn. Und er fand in seinem Konkurrenten, dem 1. Kapellmeister der Oper Arthur Nikisch, nach anfangs »peinlichstem Rivalismus« einen kongenialen Interpreten, der Mahlers Sinfonien auf den Spielplänen seiner Wirkungsstätten – auch des Gewand­hauses – etablierte.

Doch welche Bedeutung hat Mahler fürs Gewandhausorchester? Anderthalb Jahr­hunderte Konzert-, Opern- und Kirchenmusikgeschichte gingen dem Mahler-Intermezzo voraus. Konnte der hitzköpfige Jungspund, mutig vom Operndirektor Max Staegemann engagiert, gegen den Orchesterwiderstand verteidigt und vom verfrühten Abgang zurückgehalten, überhaupt Spuren hinterlassen?

Position in Opposition

Mahler polarisierte – im Publikum und im Orchester. Angriffe der Kritiker, die damals schon meinten, die Gestik des Kapellmeisters habe sich nach ihrem Geschmack zu richten, parierte Mahler gelassen: Meine Position habe ich schnell errungen – obwohl es manchmal auch eine Opposition ist.

Im Gewandhaus konnte man Mahler nur zweimal als »musterhaften Klavierbegleiter« erleben. Während man sich dort insbesondere der Pflege der Klassiker verschrieb, wurde dem Orchester an seiner zweiten Spielstätte, der Oper, »modernes« Repertoire abverlangt. Mahler kam zugute, dass er die meisten Wagner-Musikdramen schon in Prag erarbeitet hatte. Den Tannhäuser konnte er in Leipzig bereits auswendig dirigieren und beim Ring des Jahres 1887 den 1. Kapellmeister Nikisch in Walküre, Rheingold und einem triumphal gefeierten Siegfried vertreten. Die Musiker stöhnten zwar: Wenn der Nikisch nicht bald gesund wird, wird das ganze Orchester krank. Sogar Beschwerde beim Stadtrat legte das Orchester gegen den rigoros durchgreifenden Probenüberzieher ein – zog sie jedoch im nächsten Moment wieder zurück, weil Mahler eine Wagner-Sternstunde gelungen war. Mahler und das Gewandhausorchester – das war keine Liebe auf den ersten Wink. Doch im Konzertmeister Henri Petri fand Mahler einen Verbündeten, der »die geheimsten Figuren meines Stabes abliest und in Musik verwandelt«. Das Orchester profitierte, wenngleich widerwillig, von Mahler. Und er – ebenso zähneknirschend – vom Orchester.

Durch die Blumine gesagt

Die Entstehung der 1. Sinfonie ist unmittelbar mit Mahlers Leipziger Alltag verknüpft. Eine staatlich verordnete Landestrauer nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. am 9. März 1888 bescherte Mahler zehn opernfreie Tage, die er zum Komponieren nutzte: Als ich den ersten Satz fertig hatte – es war gegen Mitternacht –, lief ich zu Webers und spielte ihnen beiden vor [...]. Wir waren alle drei so begeistert und selig, daß ich eine schönere Stunde an meiner Ersten nicht erlebt habe. Dann ergingen wir uns noch lange beglückt im Rosental. Am 25. März 1888 hielt Marion von Weber, die Mahler allzu eng verbun­dene Gattin des Opern-Auftraggebers Carl von Weber, zu ihrem 32. Geburtstag ein Widmungsexemplar des ursprünglichen 2. Satzes »Blumine« in Händen. Mahler war überwältigt von der eigenen Schaffens­euphorie: So! Mein Werk ist fertig! ... Es ist so übermächtig geworden – wie es aus mir wie ein Bergstrom hinausfuhr! ... Wie mit einem Schlag sind alle Schleußen in mir geöffnet! Siegessicher hatte Mahler damit gerechnet, nach dem Erfolg der Weber-Premiere leicht eine Uraufführungsgelegenheit für die 1. Sinfonie zu finden. Doch seine Bemühungen scheiterten – auch in Leipzig bei Carl Reinecke und dem Vorsitzenden der Konzertdirektion des Gewandhauses Paul Bernhard Limburger. Erst 1918 hielt Mahlers 1. Sinfonie Einzug ins Gewandhaus – dirigiert vom einstigen Rivalen Arthur Nikisch, der nach Stationen in Budapest und Boston 1895 als Gewandhauskapellmeister nach Leipzig zurück­gekehrt war.

Welte-Reise nach Leipzig

Auch Mahler kehrte wieder – allerdings nicht zum Gewandhausorchester. Er probte mit dem Riedel-Verein, dessen 250 Choristen zu den sprichwörtlichen »1000« der Münchner Uraufführung der 8. Sinfonie zählten, und kam zu zwei Gastdirigaten nach Leipzig. In der Alberthalle dirigierte Mahler 1896 die ersten beiden Sätze seiner 2. Sinfonie. Der Choleriker verließ die Proben mit dem Winderstein-Orchester »in unbändiger Wuth« und resümierte: In Leipzig war es scheußlich. Dennoch führte er 1904 im Gesellschaftshaus am Zoo auch die 3. Sinfonie mit dem »Wirtshaus­orchester« auf. Die heutige Kongreßhalle ist als einzige authentische Mahler-Aufführungsstätte in Leipzig erhalten.

Für die Uraufführung der 5. Sinfonie hatte sich Leipzig disqualifiziert. Als der Peters-Inhaber und Verleger dieses Werks Henri Hinrichsen dafür eintrat, lehnte Mahler entschieden ab. Dem Winderstein-Orches­ter traute er »die kühnsten Passagen« dieser Sinfonie nicht zu, und gegen das Gewandhausorchester sprach die Mehrfachbelastung: Zwischen Diensten an Oper, Nikolai- und Thomaskirche konnten normalerweise nur zwei Proben auf Sinfoniekonzerte verwendet werden. Mahler wäre zudem im Gewandhaus erneut mit Nikisch konfrontiert gewesen und hätte ein Orchester vorgefunden, dem seine Sinfonik vollkommen fremd war. Nikisch hatte bislang nur am 21. Januar 1897 das Menuett »Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen« aus der 3. Sinfonie dirigiert, das er kurz zuvor in Berlin uraufgeführt hatte.

Mahler selbst legte 1905 einen letzten kurzen Zwischenstopp in Leipzig ein. In den Räumen der Orchestrionfirma Hugo Popper & Co spielte er auf einem Flügel der Leipziger Firma Feurig mit eingebautem Welte-Mignon-Apparat Lieder und Sinfoniesätze ein. Da es Mahler nicht mehr vergönnt war, Tonaufnahmen mit Orchestern zu produzieren, sind diese Leipziger Rollen von unschätzbarem Quellenwert.

»Meine Zeit wird kommen…«

Um die Jahrhundertwende war völlig offen, ob Mahlers Prognose jemals eintreten würde. Despektierlich als »Kapellmeistermusik« bezeichnet, wurden Mahlers Werke vom Publikum zwar positiv aufgenommen, doch die Fachkritik blieb ablehnend. Hinrichsen erwog 1912 gar, die Platten der 5. Sinfonie einzuschmelzen. Doch genau in diesem Moment setzte die Trendwende ein und ein weiteres Mahler-Wort bewahrheitete sich: Muss man denn immer erst tot sein, bevor einen die Leute leben lassen?

Mit seinem Ableben begann im Gewandhaus die vermehrte Rezeption seiner Werke. Die Spielzeit nach Mahlers Tod eröffnete Nikisch mit den Kindertoten­liedern und bestand gegen Einwände der Kon­zertdirektion darauf, zum Gedenken an den Kollegen am 2. November 1911 dessen komplette 2. Sinfonie aufzuführen, die 1906 als erstes vollständiges Werk Mahlers im Gewandhaus erklungen war. Eine treffliche Wahl, wie Nikisch vielleicht wusste: Der 1. Satz, der zunächst als »Todtenfeier« ein Eigenleben führte, basiert auf Skizzen der Leipziger Zeit.

»Es ist kein Zweifel mehr: Mahler ist der Komponist unserer Zeit«

Das konstatierte die Fachpresse im Jahr 1920. Treibende Kraft der Verbreitung seiner Werke war zum einen Willem Mengelberg, der seinen Freund Mahler von Anfang an unterstützt hatte. Der Dirigent des Concertgebouw-Orchesters veranstal­tete 1920 in Amsterdam das erste Mahler-Fest, bei dem alle vollendeten Sinfonien zur Aufführung kamen. Leipzig kann sich rühmen, bereits 1921 ebenfalls einen Mahler-Zyklus realisiert zu haben – allerdings nicht im Gewandhaus, sondern in der Kongreßhalle. An der historischen Mahler-Stätte spielte auf Betreiben des Konzertvereins das Grotrian-Steinweg-Orchester unter Hermann Scherchen. Zweimal wollte man diesen Mahler-Enthusiasten fürs Gewandhauskapellmeisteramt gewinnen (1946 und 1949). Doch die Mahler-Rezeptionsgeschichte des Gewandhausorchesters ist auch eine Chronik der verpassten Möglichkeiten.

Scherchen war durch einen anderen in Leipzig wirkenden Mahler-Pionier mit Mahlers Musik in Berührung gekommen: Georg Göhler, Absolvent des Leipziger Konservatoriums, Chorleiter des Riedel-Vereins und Dirigent des Orchesters der Musikalischen Gesellschaft. Göhler leitete zwischen 1909 und 1913 die Leipziger Erstaufführungen der 1., 4. und 8. Sinfonie sowie des Lieds von der Erde. Als er 1912 in der Albert-Halle die monumentale »Sinfonie der Tausend« in Leipzig bekannt machte, beteiligte sich der Gewandhauschor. Dass Hinrichsens Wunsch einer Leipziger Mahler-Uraufführung mit 10 Jahren Verspätung doch noch in Erfüllung ging, ist ebenfalls Göhlers Verdienst: Er leitete 1914 posthum die Premiere der Neufassung der 5. Sinfonie in Leipzig.

Wo waren die Gewandhauskapellmeister in dieser Phase der Mahler-Rezeption? Nikisch brachte publikumsverträglich dosiert in den letzten beiden Jahrzehnten seiner Amtszeit dreimal die 2., zweimal die 4. und je einmal die 1., 7. und 6. Sinfonie, je zweimal das Lied von der Erde, die Gesellen- und die Kindertotenlieder sowie einzelne Wunderhorn- und Rückert-Lieder zur Aufführung. Seine Nachfolger Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter beteiligten sich am legendären Wiener Konzertwinter 1918/1919, der mit 31 Aufführungen von Mahler-Sinfonien in die Mahler-Rezeptionsgeschichte einging. Am Gewandhaus dirigierte Furtwängler neben der Erstaufführung der Dritten (1924) nur einmal die Erste und die Gesellenlieder –eine erstaunlich dürftige Bilanz.

Mahlers Geist aus Walters Händen

Bruno Walter und Gustav Mahler hatten sich 1894 an der Hamburger Oper kennengelernt, wo Mahler als Musikdirektor und Walter als Korrepetitor wirkte. Bruno Walter folgte Mahler als Assistent nach Wien und brachte nach Mahlers Tod die 9. Sinfonie und das Lied von der Erde zur Uraufführung. Noch vor seinem Amtsantritt als Kapellmeister leitete Walter im Gewandhaus Mahlers 1. und 3. Sinfonie. Kaum war er offiziell eingeführt, stand das Lied von der Erde auf dem Programm, wenig später folgte die Gewandhaus-Erstaufführung der 5. Sinfonie. Auch die 2. Sinfonie und die Gesellenlieder konnte man unter Walter im Gewandhaus erleben. Das letzte Werk, das Walter vor seinem politisch erzwungenen Abgang im Gewandhaus dirigierte, war im Dezember 1932 Mahlers 1. Sinfonie. Das politische Geschehen beantwortete die rhetorische Frage, die Mahler in einem Brief an Walter mit Blick auf seinen Leipziger Erstling aufgeworfen hatte: Was ist das für eine Welt, welche solche Klänge und Ge­stalten als Widerbild auswirft!

Wäre Bruno Walter, der mit Mahler auch jüdische Familienwurzeln gemein hatte, nicht nach dieser Aufführung aus dem Amt gedrängt worden… Das ist der bitterste Konjunktiv der Mahler-Rezeptionsgeschichte des Gewandhausorchesters. Damit nicht genug: Mit Walter wurde auch Mahlers Musik aus dem Gewandhaus vertrieben. 13 Jahre lang erklang kein Mah-ler’sches Werk im Gewandhaus – genauer gesagt: Es erklang nie wieder eines seiner Werke im 2. Gewandhaus. Der präch­tige Musiktempel wurde im Februar 1944 von Bomben getroffen und die ausgebrannte Ruine 1968 gesprengt. Ironie der Geschichte: Genau zu diesem Zeitpunkt stieg Mahlers Musik plötzlich wie der Phönix aus der Asche. Doch zunächst sah es düster aus.

»Mahlers Zeit ist vorbei«

Nach den Krisen im frühen 20. Jahrhundert, einem Boom um 1920, dem Kompletteinbruch der Mahler-Rezeption in den 1930er- und 1940er-Jahren und einer kurzen, doch wenig nachhaltigen Erholung in der Nachkriegszeit diagnostizierte der in Leipzig ausgebildete Musikschriftsteller und unverbesserliche Antisemit Hans Schnoor um 1951 ihr endgültiges Aus. Tatsächlich zeigten nach dem Rezeptions-Tiefpunkt der Nazi-Zeit zwischen Walters letzter und Abendroths erster Aufführung der 1. Sinfonie im Filmtheater Capitol 1945 zaghafte Wiedergutmachungsversuche kaum nachhaltige Wirkung. Daran änderten auch prominente Gastdirigate nichts, die Künstler aus Mahlers unmittelbarem Umfeld zum Gewandhausorchester führten – allen voran Otto Klemperer, der unter Mahlers Aufsicht an Aufführungen der 2. Sinfonie beteiligt gewesen war. Genau dieses Werk präsentierte er 1948 in der Kongreßhalle, die nun dem Gewandhausorchester als Spielstätte diente. Bevor Klemperer, der auch Aufführungen der 3., 7. und 8. Sinfonie unter Mahlers Leitung begleitet hatte, sein Engagement für Mahlers Musik in die USA verlagerte, hatte er 1925 bereits die Gesellenlieder mit dem Gewandhausorchester aufgeführt.

»O, könnt ich meine Symphonien 50 Jahre nach meinem Tod uraufführen!«

Das wäre in der Tat der richtige Moment gewesen: Genau 50 Jahre nach Mahlers Tod trat die entscheidende Wende in der Rezeptionsgeschichte ein. Ab den 1960er- Jahren begann Mahlers Universum unaufhaltsam zu expandieren. Am Gewandhaus nahm die Aufführungsdichte vor allem in den 1970er-Jahren unter Kurt Masur deutlich zu. Seinen Einsatz für Mahler krönte Masur 1984 zum 125. Geburtstag mit einem acht Konzerte umspannenden Zyklus und einem Mahler-Symposium im Folgejahr. Mittlerweile residierte das Gewandhaus­orchester – dank Masurs unermüdlichem Einsatz – wieder in einem eigenen Konzertgebäude en face zum Opernhaus, das auf der Stelle von Mahlers Wirkungsstätte neu errichtet worden war. Seit 1981 gibt die Glasfassade den Blick frei auf ein besonderes Bildwerk im Innern des 3. Gewandhauses: Sighard Gille komponierte das beeindruckende Wandgemälde als visuelles Pendant zu Mahlers Lied von der Erde – ein sichtbares Zeichen für die große Bedeutung, die Mahlers Musik in diesem Haus hat.

Hörbar machten das alle Kapellmeister, die an diesem Gewandhaus wirkten. Riccardo Chailly initiierte das Mahler-Festival im 100. Jahr nach Mahlers Tod 2011, das den Blick der Musikwelt auf Leipzig lenkte und einerseits Mahlers Bedeutung für die Musikstadt, andererseits die Bedeutung des Gewandhauses für die Mahler-Rezeption international ins Bewusstsein rief. Chailly war vom Concertgebouw kommend mit der dortigen Mengelberg-Mahler-Tradition bis in Quellendetails vertraut. Sein Leipziger Mahler-Zyklus setzte Maßstäbe. Beim letzten Glied, der 3. Sinfonie, sprang Andris Nelsons ein und machte mit seinem ersten Leipziger Mahler-Dirigat unmissverständlich klar, dass er Bedeutendes zur Rezeption der Sinfonien beizutragen hat. Noch vor und unmittelbar nach seinem Amtsantritt präsentierte Nelsons die 1., 5. und 6. Sinfonie, in der Spielzeit 2019/2020 folgt das Kleinod »Blumine«.

»Was ich jetzt schaffe, sind Erlebnisse von morgen«

Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt, lud Mahler seinen Apologeten Willem Mengelberg im Kontext der 8. Sinfonie 1906 ein. Unter diesen Leitgedanken, der die Größe von Mahlers künstlerischer Vision erahnen lässt, stellt das Gewandhausorchester sein 2. Mahler-Festival. Wenn Nelsons und das Gewandhausorchester 2021 wieder Weltklasse­orchester und Spitzendirigenten zur 12-tägigen Mahler-Werkschau in Leipzig begrüßen und selbst die 2. und 8. Sinfonie beitragen, wird die Musikstadt erneut zum Zentrum der Mahler-Welt.

Ann-Katrin Zimmermann