»Mit der 1. Sinfonie hat alles angefangen!«

Für Andris Nelsons hat Mahlers Musik eine besondere Bedeutung. Der Gewandhauskapellmeister schildert seinen Lebens- und Berufsweg mit Mahlers Sinfonien von der ersten Begegnung bis zu den Interpretationen mit dem Gewandhausorchester und lässt uns im Gespräch mit Gewandhausdramaturgin Ann-Katrin Zimmermann an seinen Gedanken zu dieser Musik teilhaben.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Mahlers Musik?

Das war relativ spät, im Alter von 11 Jahren. In dieser Zeit begann ich, Trompete zu spielen und machte Kampfsport wie Taekwondo. Neben der körperlichen Aktivität interessierten mich Philosophie und Psychologie, Selbstdisziplin und Mystik, die die Kampfkunst umgibt, und ich suchte nach Musik zur Meditation. Zur Sowjetunion-Zeit war es schwer, an Aufnahmen zu kommen. Ein Freund erzählte mir von einer Kassette mit Musik, die mit Naturlauten, mit Vogelgesang und dergleichen anfinge. Er gab sie mir – und das war Mahlers 1. Sinfonie! Ich war begeistert: diese mystische Naturstimmung zu Beginn, dieses »Misterioso«! Mir wurde schnell klar, dass hinter diesen Klängen einer der größten Komponisten überhaupt steckte. Danach lernte ich alle Sinfonien Mahlers kennen, spielte sie auf der Trompete, studierte die Partituren und hörte mir Aufnahmen an. Aber mit der 1. Sinfonie hat alles angefangen!

Und als Dirigent?

Für mich als Lette ist das Singen wesentlich. Als Dirigent begann mein Weg mit Mahler darum bei der 2. Sinfonie, wo am Ende der Chor große Bedeutung hat. Gleiches gilt für die 8. Sinfonie, die ich ebenfalls früh und häufig dirigierte.

Dann ist es sicher kein Zufall, dass Sie just diese beiden Sinfonien beim Mahler-Festival 2021 in Leipzig mit dem Gewandhausorchester aufführen werden?

Das war eine gemeinsame Entscheidung im Team. Zunächst haben wir die Wünsche unserer Gäste berücksichtigt. Herausragende Orchester und Dirigenten aus der ganzen Welt sind eingeladen, die alle eine besondere Beziehung zu Mahler haben. Wir haben sie gefragt, welche Werke sie zum 2. Mahler-Festival in Leipzig beitragen möchten. Am Ende hat sich das Festival-Programm wie ein Puzzle zusammengefügt – und ich bin glücklich, dass ich gerade die 2. und 8. Sinfonie mit dem Gewandhausorchester präsentieren darf. Überhaupt freue ich mich riesig auf dieses Festival: Fabelhafte Orchester werden zusammenkommen und sich in unserem Gewandhaus-Saal diesen großartigen Sinfonien widmen. Wir werden diese Tage zusammen verbringen, uns austauschen, unsere Aufführungen gegenseitig besuchen... Wir treffen uns hier in Leipzig, um Mahler und seine Musik zu feiern – aber auch, um den Leipzigern und ihren Gästen die Gelegenheit zu bieten, fantastische Künstler kennenzulernen. Zugleich haben unsere Gäste – Musiker, Musikliebhaber, Mahlerfreunde, Touristen – die Gelegenheit, Leipzig zu erleben, diese herrliche Musikstadt, die ich so ins Herz geschlossen habe. Ich bin stolz darauf, alle hier willkommen zu heißen. Leipzig ist nicht nur eine Bach- und Mendelssohn-Stadt. Auch Mahler und viele weitere Komponisten haben hier einen wichtigen Abschnitt ihres Lebens verbracht. Unsere Gäste können in Leipzig nicht nur sämtliche Mahler-Sinfonien innerhalb kürzester Zeit von führenden Orchestern der Welt hören – sie können auch das Haus aufsuchen, in dem Mahler gewohnt hat während er 2. Kapellmeister an der Oper war, auf den Wegen spazieren gehen, die er gegangen ist, und sich auf Mahler-Spurensuche begeben.

Wenn sich die verschiedenen Interpreten Mahlers Sinfonien vornehmen, verspricht das faszinierend unterschiedliche Zugänge zu seiner Musik.

Absolut: Jedes Orchester bringt seine eigene Geschichte, seine Tradition und Spielweise mit. Davon geht man als Dirigent aus und lässt zugleich seinen eigenen Erfahrungsschatz einfließen. Was sich schließlich ereignet, wenn man gemeinsam mit einem Orchester eine Sinfonie probt und zur Aufführung bringt, bleibt ein unerklärliches Wunder. Von Aufführung zu Aufführung, von Tag zu Tag wird sich die Interpretation verändern. Jeden Tag ist der Herzschlag ein anderer...

Mahler fordert eine gewaltige stilistische Bandbreite: Unterhaltungsmusik, Militärmusik, Lied...

... und man kann seinen Lebensweg durch die Kompositionen verfolgen. Immer wieder kommt sein böhmisches Naturell zum Vorschein. Im nächsten Moment klingt seine Musik wienerisch, dann machen sich plötzlich jüdische Wurzeln bemerkbar. Oft prallen Extreme aufeinander: Auf der einen Seite der Straße zieht ein Trauermarsch vorüber, während auf der anderen ein lustiges Treiben im Gange ist. Aus solchen Spannungen erwachsen Dramatik, aber auch Ironie und Sarkasmus seiner Musik. Mahler war ein außerordentlich begabter, zugleich schwieriger Mensch. Liest man seine warmherzigen Liebesbriefe, kann man kaum glauben, dass sie von derselben Person stammen, die so jähzornig, unerbittlich und hart sein konnte.

Liegt in der Widersprüchlichkeit seines Charakters und der weltumspannenden Bandbreite seiner zeitlosen Themen von Tod und Vergänglichkeit bis zu Liebe und himmlischer Freude der Grund, warum seine Musik so viele Menschen zu unterschiedlichen Zeiten unmittelbar anspricht?

Ich glaube, dass gerade unsere Zeit, die von heftigen Gegensätzen erschüttert wird, in der vieles unecht, »fake« ist, in der Schreckliches, aber auch viel Erfreuliches geschieht, Komponisten wie Mahler braucht. In seiner Musik findet sich dieses ganze Spektrum wieder. Sie richtet sich an jeden einzelnen Musiker im Orchester, an jeden einzelnen Hörer im Publikum. Dieser Moment, in dem man der Musik unmittelbar begegnet, sich bewegen und berühren lässt, ist entscheidend. Jeder kann seine eigenen Gedanken und Empfindungen, seine Sorgen und sein Glück mit der Musik teilen. Dabei entsteht eine ungeheuer intime, vertrauensvolle Gemeinschaft zwischen Dir, dem Komponisten und der Musik. Ist das nicht wunderbar?