Gewandhausorchester und Andris Nelsons legen erste gemeinsame Einspielung vor

Deutsche Grammophon startet einen neuen Zyklus mit Anton Bruckners Sinfonien, gespielt vom Gewandhausorchester unter der Leitung von Andris Nelsons. Den Auftakt macht am 5. Mai 2017 Bruckners 3. Sinfonie, gekoppelt mit der Ouvertüre zu Richard Wagners Tannhäuser.

Den Sinfonien von Anton Bruckner kommt eine ganze besondere Rolle in der Geschichte dieser Gattung zu. Bruckner schlug eine Brücke von den klassischen Formen Beethovens und Bruckners zum Erzählfluss Richard Wagners und verhalf der Sinfonie auf diese Weise zu epischen Strukturen und einer emotionalen Tiefe, die in seinem eigenen Glauben wurzelte.

Mit Beginn der Saison 2017/2018, in der das Gewandhausorchester seinen 275. Geburtstag feiert, tritt Andris Nelsons sein neues Amt als Gewandhauskapellmeister an. Die neue Aufnahme bildet den Auftakt zu einer geplanten Gesamteinspielung aller Bruckner-Sinfonien mit dem Gewandhausorchester, wobei den Sinfonien Auszüge aus Opern von Richard Wagner gegenübergestellt werden.

Auf dem ersten Album des Gewandhausorchesters mit Andris Nelsons wird die 3. Sinfonie von Anton Bruckner mit der Ouvertüre zu Wagners Oper Tannhäuser kombiniert.

Bruckners Dritte wird oft als »Wagner-Sinfonie« bezeichnet und enthält diverse Anspielungen auf die Musik seiner Opern. Es heißt, Bruckner habe bei Wagner angefragt, welche seiner zuletzt komponierten Sinfonien er ihm widmen dürfe: die Zweite oder die Dritte? Wagner habe sich für die Dritte entschieden, was die beiden Komponisten bei einigen Gläsern Bier feierten. Am nächsten Morgen wusste Bruckner nicht mehr, welche Sinfonie sich Wagner ausgesucht hatte, und musste nachfragen, ob es wirklich das d-Moll-Werk mit dem markanten Anfang in der Trompete sein sollte. Wagner nannte seinen Kollegen daraufhin scherzhaft »Bruckner, die Trompete«, während Bruckner den hochverehrten Wagner in seiner Widmung als den »unerreichten, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst« bezeichnete. Leider wurde die Uraufführung der Sinfonie im Wiener Musikverein 1877 zum größten Misserfolg in Bruckners gesamter Karriere. Das Orchester konnte sich mit dem neuen Stück nicht anfreunden und Bruckners Dirigierstil sorgte für Erheiterung; ein Großteil der Zuhörer verließ den Saal vorzeitig und die Kritiken am nächsten Tag fielen dementsprechend vernichtend aus. Bruckner war so tief getroffen, dass er fast ein Jahr lang keine Note zu Papier brachte. Anschließend unterzog er die Dritte einer umfassenden Revision.

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig haben sich bei ihrer Aufnahme für die dritte und letzte Fassung von 1889 entschieden.

Andris Nelsons: »Bruckner beschäftigten dieselben existenziellen Fragen und Zweifel wie uns alle – und darum hat uns seine Musik gerade heute so viel zu sagen. Sein Glaube und seine innere Stärke spiegeln sich überall in seiner Musik.«

Glaube, Zweifel, Selbstlosigkeit, Angst, Mitgefühl, Erlösung: All dies kann man nach Meinung von Andris Nelsons in den Sinfonien von Anton Bruckner hören. Im Zusammenhang mit der 3. Sinfonie versucht der Dirigent zu beschreiben, was so einmalig ist an Bruckners grandioser Klangarchitektur: Für ihn ähnelt der Weg durch eine Bruckner-Sinfonie einer Pilgerreise. »Bruckners Musik erhebt die Seele«, meint er. »Er lädt uns ein, ihn zu begleiten und mit ihm unseren Lebensweg fortzusetzen, der nach Menschlichkeit, Liebe und Mitgefühl strebt. Bruckners Musik wendet sich nicht an eine bestimmte Altersgruppe oder Religion, sondern spricht zu allen Menschen. Bruckners Musik schenkt uns einen Blick ins Universum, und das passiert nicht bei jeder Musik, und ich fühle, wie sie mich Gott näherbringt.«

Anton Bruckner tritt in der Geschichte des Gewandhauses erstmals als Organist in Erscheinung, und zwar kurz nach Einweihung des neuen Gewandhauses im Jahr 1884. Später erlebte er hier die Uraufführung seiner 7. Sinfonie mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Arthur Nikisch. Diese Aufführung brachte dem Komponisten seinen ersten durchschlagenden Erfolg, und man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass Bruckners Anerkennung als Komponist und sein Ruhm von Leipzig ausgingen. Seine Sinfonien spielten in der Folge stets eine wichtige Rolle im Repertoire des Gewandhausorchesters.

Das Gewandhausorchester hat aber auch eine besondere Beziehung zu Wagner: Der Komponist wurde in Leipzig geboren, wo er prägende Jahre verbrachte und auch Aufführungen seiner Werke im Gewandhaus erlebte. Und als er für ein Benefizkonzert zugunsten des geplanten Festspielhauses in Bayreuth ein Orchester zusammenstellte, kamen ein Großteil der Musiker aus dem Gewandhausorchester.

»Meine eigene Beziehung zu Wagner hat zudem einen sehr persönlichen Aspekt«, erzählt Andris Nelsons. »Tannhäuser war die erste Oper, die ich in Riga gesehen habe – ein überwältigendes Erlebnis für meine Kinderseele. Bruckners Dritte wurde von dieser Oper beeinflusst, und auch Tannhäuser steckt voller religiöser Fragen, Symbole und Bedeutungen.« Für Nelsons ist die Tannhäuser-Ouvertüre darum eine perfekte Ergänzung der Bruckner-Sinfonie.

»Es ist mir eine große Ehre und Freude, dass ich mit dem Gewandhausorchester sämtliche Sinfonien für Deutsche Grammophon einspielen darf, denn nur im Zusammenhang des gesamten Zyklus lässt sich nachverfolgen, wie sich Bruckners geistige Welt im Laufe seines Lebens entwickelt hat«, sagt Nelsons und fügt hinzu: »Das Gewandhausorchester ist eines der ältesten bürgerliche Orchester der Welt und kann auf eine bedeutende und einmalige Geschichte zurückblicken, nicht nur aufgrund seiner besonderen Beziehung zu Bach, sondern auch und gerade aufgrund seiner Bruckner-Tradition. Es zählt zu den weltweit besten Orchestern, wovon es aber nicht viel Aufhebens macht, und es hat ein feines Gespür für die spirituelle Ebene von Bruckners Musik.«

Andris Nelsons steht exklusiv bei Deutsche Grammophon unter Vertrag. 2015 debütierte er auf dem Gelbetikett mit der ersten Veröffentlichung seiner Schostakowitsch-Reihe mit dem Boston Symphony Orchestra, Under Stalin’s Shadow. Diese Aufnahme von Schostakowitschs Zehnter Symphonie wurde mit einem Grammy und einem Gramophone Award ausgezeichnet. Auch die zweite Veröffentlichung dieser Reihe mit den Symphonien Nr. 5, 8 und 9 erhielt 2017 einen Grammy als »Best Orchestral Performance«. (Text: Deutsche Grammophon)

Die neue Einspielung von Bruckners 3. Sinfonie, gekoppelt mit der Ouvertüre zu Richard Wagners Tannhäuser, ist ab dem 5. Mai 2017 im Gewandhaus Shop erhältlich.