»Ist Dir die veränderte und verlängerte Cadenz so recht? [...] ist sie spielgerecht geschrieben? Oder was fehlt und was ist zuviel? Die Arpeggien [sind] doch nicht zu ermüdend für den Spieler? Auch das diminuendo zum pp macht sich doch bequem? Ich bitte Dich zeige doch auch [Niels Wilhelm] Gade diese Stelle in der Partitur und sage mir seine Meinung. Lacht mich auch nicht gar zu sehr aus; ich schäme mich wirklich selbst, aber ich kanns einmal nicht besser, und werde einmal das Tappen nicht los. [...Ist die Stelle] jetzt ohne die Flöte ganz bequem? Aber auch  g a n z  bequem? Damit sie recht fein gespielt werden kann. [...] Könnt ihr sie recht rauswettern? [...] klingt sie so recht heraus, oder setzt man lieber noch die untre Octave dazu? Gottlob daß das Concert zu Ende ist, wirst Du sagen. Verzeih mir die Belästigung, aber was will ich machen?«

Was wohl der Konzertmeister des Gewandhausorchesters Ferdinand David empfand, als er diesen Fragezeichen-gespickten Brief vom 17. Dezember 1844 in Händen hielt? Ihm schreibt einer der angesehensten, gefragtesten und beliebtesten Musiker seiner Zeit auf dem Gipfel seines Ruhmes, ein 35-jähriger Künstler, der seit zwei Jahrzehnten durchschlagende Erfolge als Pianist, Dirigent und Komponist feiert, riesige Musikfeste und das Gewandhausorchester leitet, zum Ehrendoktor der Leipziger Universität und zum Generalmusikdirektor des preußischen Königs ernannt wurde, auf erfolgreiche Europareisen zurückblicken kann, 1843 das erste deutsche Konservatorium gegründet und den ersten Denkstein für Bach gestiftet hat. Ihm schreibt sein lebenslanger Freund Felix Mendelssohn Bartholdy, der ein Jahr vor David im selben Hamburger Haus zur Welt gekommen war, und der ihn nach Leipzig ans Konzertmeisterpult des Gewandhausorchesters geholt hatte.

Erfolg war dem Werk gewiss – zumal in Leipzig, wo man das Spitzenduo von Komponist und Solist verehrte. Dennoch verraten die Briefe an David den Zweifler, der Rat und Bestätigung suchte und in hohem Maß auf die Expertise seines Solisten setzte. Die Uraufführung am 13. März 1845 leitete Niels Wilhelm Gade, Ferdinand David brillierte mit seiner Solopartie und das Publikum war begeistert. Nur einer bekam von alldem nichts mit: Felix Mendelssohn Bartholdy, der in Frankfurt seinem Vorsatz treu blieb, das stille, zurückgezogene Komponieren dem Trubel des Konzertlebens vorzuziehen. Oder scheute er den Moment, da sein hart erarbeitetes Freundschaftswerk an die Öffentlichkeit trat?

Erst zwei Wochen später sandte Ferdinand David einen Bericht von der glanzvollen Uraufführung: »Lieber Mendelssohn, ich hätte Dir längst über den Erfolg, mit dem ich Dein Violinconcert öffentlich zum ersten Mal gespielt habe, berichten sollen; verzeih, daß es erst jetzt geschieht. Es hat ganz außerordentlich gefallen, einstimmig wird es für eins der schönsten Stücke in diesem Genre erklärt; es erfüllt aber auch alle Ansprüche, die an ein Concertstück zu machen sind, im höchsten Grade und die Violinspieler können Dir nicht dankbar genug sein für diese Gabe«. Im Kontext der herzlichen, oft freundschaftlich-scherzenden Korrespondenz zwischen den beiden wirken diese auffällig spät verfassten Zeilen eigentümlich nüchtern. Ob David die Abwesenheit seines Freundes verletzt hatte?

Ferdinand David spielte übrigens auf einer Geige aus der Cremoneser Werkstatt von Giuseppe Guarneri »del Gesù«, die bis heute den Beinamen »David« trägt. Der in Kopenhagen geborene Nikolaj Szeps-Znaider spielt ein ähnlich legendäres Instrument desselben Geigenbauers, das nahezu gleichzeitig entstand (ca. 1741). Seine Guarneri-Geige, eine Dauerleihgabe des Royal Danish Theatre, befand sich einst in Besitz von Fritz Kreisler und kam beispielsweise für die Premiere von Elgars Violinkonzert zum Einsatz.


Gewandhausorchester
Riccardo Chailly
Nikolaj Znaider Violine

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64 MWV O 14

1. Allegro molto appassionato
2. Andante
3. Allegro molto vivace

Produktion: Accentus Music
Koproduzenten: MDR, Arte, Gewandhaus zu Leipzig, Unitel
Bildregie: Ute Feudel
Audioproducer: Sebastian Braun
Aufnahme: 7. September 2012
Ort: Gewandhaus zu Leipzig
Copyright: Accentus Music, 2012