SIE BRAUCHT SINN UND FREIHEIT
Jedem war klar, dass Mathis der Maler kein Portrait eines Künstlers vergangener Zeiten war. Hindemith, Librettist und Komponist in Personalunion, hatte das historische Sujet in eine allzeit aktuelle Parabel auf die fatalen Auswirkungen gesellschaftlicher, politischer und religiöser Repressalien für Kunst verwandelt. Er wusste, dass man Oper und Sinfonie auf die Gegenwart beziehen würde. Als die Oper am 28. Mai 1938 in Zürich zur Uraufführung kam – in Deutschland war an Darbietungen nicht zu denken –, hatte der Gang der Geschichte die pessimistische Botschaft bereits bestätigt.
SIE BRAUCHT FÜRSPRECHER UND FÖRDERER
Der Sinfonie Mathis der Maler war 1934 noch ein überwältigender Uraufführungserfolg beschieden gewesen. Furtwängler hatte den bereits an der Oper arbeitenden Hindemith um ein Orchesterwerk für die Berliner Philharmoniker gebeten. Er wollte dem Komponisten damit den Rücken stärken – und brachte sich mit öffentlichem Eintreten für Hindemith selbst in die Bredouille. »Der Fall Hindemith« wurde zum Politikum, der Komponist mit Hetzkampagnen diffamiert und seine Musik mit Aufführungs- und Sendeverboten geächtet. Hindemith zog sich aus seinen Ämtern, aus Deutschland und schließlich aus Europa zurück. Wie Bartók, der Deutschland 1933 – nach der Premiere des 2. Klavierkonzerts in Frankfurt – demonstrativ den Rücken gekehrt hatte, emigrierte er über Zwischenstationen 1940 in die USA.
UND WIR BRAUCHEN SIE
Im Gewissenskonflikt zwischen Berufung zur Kunst und moralischer Verpflichtung, verschärft durch Unfreiheit in der Ausübung der Kunst, fühlte sich Hindemith seinem Geschöpf Mathis verbunden. Doch anders als der Opern-Protagonist, der an quälender, zeitbedingter Sinn- und Wirkungslosigkeit seiner Kunst zerbricht, legte Hindemith den Pinsel nicht weg. Vielmehr folgten die produktivsten Phasen seines Lebens. Im orchestralen Triptychon aus Engelskonzert, Grablegung und Versuchung des heiligen Antonius, das auf »Mathis« Grünewalds Isenheimer Altar Bezug nimmt, schuf Hindemith, was er am historischen Vor-Bild bewunderte: bahnbrechend Neues aus dem unerschöpflichen Fundus des Alten. Weder moderne noch archaische Züge der Musik befremden, sondern überwältigen mit der zeitlosen Expressivität des Isenheimer Altars, die Thomas Mann, Brecht und Rilke, Macke, Klee und Beckmann in Bann schlug. Alles Entsetzliche, das bevorsteht, ist hier vorweggenommen, empfand Elias Canetti. Der Finger des Johannes, ungeheuerlich, weist darauf hin.
Text: Dr. Ann-Katrin Zimmermann