Interview mit Franzpeter Messmer

»Das Live-Erlebnis ist immer das Nonplusultra.« Der das sagt, kennt sich damit aus: Franzpeter Messmer leitete schon verschiedene Musikfeste und Musikerjubiläen. Doch nicht zuerst deswegen baten wir ihn um ein Gespräch: Vor 20 Jahren legte er das Buch »Musiker reisen« vor und beschäftigte sich seitdem immer wieder mit der Kulturgeschichte von Musikertourneen. Wir fragten den Musikwissenschaftler:

Herr Dr. Messmer, warum reisen Musiker?
Franzpeter Messmer: Da gibt es viele Gründe. Der wichtigste ist, dass sie an ihrem eigenen Ort bisweilen nicht genug Geld und Anerkennung bekommen. Darum ist Reisen manchmal eine notwendige Arbeitsbedingung.

Beim Stichwort »Reisende« denkt man unter anderem auch an Händler. Müssen Musiker ebenfalls immer neue Absatzmärkte für ihre »Ware« suchen?

Messmer: Wenn sie ein Instrument beherrschen, können sie nicht immer an einem Ort ihre virtuose Kunst zeigen, sondern müssen auch andernorts damit in Erscheinung treten. Das ist ja auch mit Geld- und Prestigegewinn verbunden. In der Zeit von Händel galt ein Musiker, der nicht in Italien arriviert war, wenig. Und so ist es heute noch: Etwa ein Geigenvirtuose aus München ist zu Hause mehr anerkannt, wenn er in der New Yorker Carnegie Hall gespielt hat.

War nicht lange Zeit die Suche nach einer Festanstellung ein Reisegrund?
Messmer: Das ist richtig, auch heute noch. Viele bevorzugen ein festes Engagement in einem Orchester oder eine Hochschulprofessur. Ungeachtet dessen ist der Drang, seine Kunst zu zeigen, ein Wesensmerkmal des Musizierens und damit nach wie vor ein Grund für das Reisen.

Johann Sebastian Bach ist im Gegensatz zu Georg Friedrich Händel nie aus Deutschland hinausgekommen. Finden Sie Händels Musik polyglotter, weltläufiger als die von Bach?
Messmer: Das ist zu kurz gedacht. Denn Bach hat die ganze Welt nach Leipzig geholt, bildlich gesehen. Er hat Partituren beispielsweise von Vivaldi studiert und den Austausch mit reisenden Musikern gepflegt. Das war genauso wichtig wie das Hinausgehen. Nur hat Bach eine andere Karriere gemacht. Er war ein Kantor in der protestantischen Tradition, während Händel schon der moderne, international tätige Musiker war. Seine Ebene war eine ganz andere, er war einer der ersten freien Künstler überhaupt.

120 Jahre nach Händels Italienreise brach Mendelssohn mit gleichem Ziel auf, wenn auch in anderer Absicht: Er unternahm eine Bildungsreise.
Messmer: Das war etwas Neues. Orlando di Lasso etwa schrieb im 16. Jahrhundert in seinen Reisebriefen nichts über die Orte und Landschaften. Die Musiker haben sich damals nur mit ihrer Kunst beschäftigt. Dass man reist, um sich zu bilden, ist ein Phänomen des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts, das im 20. unter anderen Vorzeichen Fortsetzung fand. Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Strauss, Béla Bartók, Olivier Messiaen, John Cage - sie alle reisten, um sich selbst zu erweitern, vielleicht auch, um ganz neue Musik zu finden.

Nicht erst ein romantisches Phänomen war, dass Musiker ihre Söhne oder Töchter als Wunderkinder durch halb Europa trieben. Ist das mit heutigen Plattenfirmen vergleichbar, die ebenfalls gern auf Youngster setzen?
Messmer: Wenn heute eine Plattenfirma ein Wunderkind »promoten« will, ist das etwas anderes als etwa bei Leopold Mozart damals. Er war vom Sendungsbewusstsein beseelt, das Wunder seines Kindes ganz Europa zeigen zu müssen. Und er verband damit auch einen nationalen Aspekt: Vater Mozart wollte beweisen, dass die deutsche Musik mindestens ebenso gut ist wie die herrschende italienische.

Das führt zur Frage des kulturellen Austauschs. War der ein bewusstes Ziel der Musikerreisen oder ein eher zufälliger Nebeneffekt?
Messmer: Ein Austausch hat immer stattgefunden, egal ob bewusst oder unbewusst. Musik ist eine Möglichkeit, sich über Sprachgrenzen hinweg mitzuteilen. Das prädestiniert sie geradezu für das Reisen und die kulturelle Verständigung. Nehmen wir als Beispiel das Mittelalter: Damals kam durch die Begegnung der Kreuzritter verschiedener Nationen die Form des Minnesangs aus Frankreich nach Deutschland. Durch die Kreuzzüge gelangten auch Musikinstrumente aus dem arabischen Raum zu uns. Musik ist also eine Kunst, die stark durch den Austausch gewinnt.

Reisende Musiker blieben früher den Winter über in einer Stadt und musizierten mit den Leuten vor Ort. Heute führen Tourneen im Tagesrhythmus von Stadt zu Stadt. Was bedeutet das für den Austausch miteinander?
Messmer: Da ist viel verlorengegangen. Wenn zum Beispiel Mozart eine Oper komponieren sollte, reiste er in die Stadt, aus der der Auftrag kam, blieb dort viele Wochen, lernte die Sänger kennen und schrieb ihnen seine Musik wie auf den Leib. Das war seit der Barockoper so üblich. Unsere heutige, schnelllebige Praxis dagegen erinnert an die Betonarchitektur der 70er Jahre: Man weiß gar nicht mehr, wo man gerade ist, weil alles gleich aussieht oder eben gleich klingt und damit beliebig und verwechselbar geworden ist.

Auf die Gefahr der Nivellierung wiesen Sie schon vor 20 Jahren hin. Was hat sich seitdem geändert?
Messmer: Der Trend hat sich verschärft. Bessere Reisemöglichkeiten und das Internet haben das noch forciert. Zwar ist die sogenannte klassische Musik eine universale Sprache, die in China und den USA ebenso wie bei uns oder in Russland gepflegt wird. Aber wir müssen uns fragen, was von dieser Sprache überhaupt noch für das Publikum verständlich ist. Bei Bachs Musik zum Beispiel gibt es viele Eigenheiten, die man nur begreift, wenn man in einer lebendigen Hörtradition zu Bach steht. Ein Leipziger hört Bachs Musik sicher anders als ein Konzertbesucher in New York. Das heißt, hier ist viel Vermittlung nötig, um den Menschen das Besondere der jeweiligen Musik nahezubringen. Denn wir können global gesehen nicht auf Hörtraditionen aufbauen, sondern müssen das verstehende Hören immer wieder neu initiieren.

Dank Internet können Konzerte und Aufführungen heute per »Livestream« in alle Welt übertragen werden. Sind Musikertourneen da überhaupt noch nötig?
Messmer: Für viele Interessenten, die nicht die Zeit oder das Geld zum Reisen haben, ist das sicher eine passable Möglichkeit, Auftritte mitzuerleben. Aber es ist natürlich etwas anderes als ein wirkliches Live-Erlebnis. Der Saal, die Atmosphäre, das Publikum um einen herum und viele weitere Dinge, die rational gar nicht erklärbar sind, spielen eine große Rolle. Insoweit sind das Live-Konzert oder die Live-Aufführung immer das Nonplusultra, und sie werden sich auch nie ersetzen lassen durch all die technischen Möglichkeiten. Diese erleichtern es allerdings, das Publikum neugierig zu machen.

Sie sprachen es an: Es reisen heute nicht mehr nur die Musiker, ob allein oder im Ensemble, sondern es reist auch das Publikum. Hat das positive oder eher negative Effekte?
Messmer: Es gibt den Festivaltourismus, der sicher auch negative Aspekte hat. Da geht es manchmal, wenn man etwa an Salzburg denkt, mehr um außermusikalische Dinge als um die eigentlichen Inhalte. Das Positive ist: Auf Festivals kann man sehr Spezielles bieten - beispielsweise Renaissancemusik, wie wir das in Landshut tun, oder schwierige Kammermusik wie etwa bei der Schubertiade in Schwarzenberg -, für das man im normalen Konzertbetrieb kaum noch Publikum bekommt. Dazu kann man dann auch sehr gute Künstler einladen.

Sie laden zu den »Landshuter Hofmusiktagen« 2012, die Sie leiten, etwa ein Gamelan-Ensemble ein. Könnte das nicht genauso gut in einem normalen Abonnementkonzert auftreten?
Messmer: Nein, zumindest nicht in einer Konzertreihe mit der im letzten Jahrhundert üblichen Programmkonzeption. Die Menschen wollen heute ein Ereignis, ein »Event«. Wenn die Werbung schon Wochen voraus viel erzählt über dieses Ereignis, wenn bekannt wird, dass bedeutende Musiker kommen, und wenn zudem auch noch ein besonderes Umfeld existiert - wie das der Fall ist in Landshut, einer wunderbar authentisch wirkenden Stadt mit Architektur aus Mittelalter, Renaissance und Barock -, dann gehen die Leute hin, obgleich sie dort Sachen hören und entdecken, die sie sonst wahrscheinlich übersehen würden. Die Formen des Abonnementkonzerts dagegen stammen aus einer Zeit, als es noch kein Radio, kein Fernsehen und kein Internet gab und der Bildungsgedanke sehr stark war. Heute ist das urbane Bildungsbürgertum im Schwinden begriffen, und das junge Publikum lässt sich seltener auf ein Abonnement ein, weil es in seiner Flexibilität und Spontaneität nicht begrenzt werden will.

Die Zukunft gehört also nicht den städtischen Abonnementkonzerten, sondern den Festivals?
Messmer: 
Nein, das ist zu drastisch. Wir müssen um die Abonnementkonzerte kämpfen, müssen neue und spannende Programme entwickeln. Da wird heute schon sehr viel getan mit speziellen Jugendprogrammen, Einführungsveranstaltungen und vielem anderem mehr.

Von genau dieser Kärrnerarbeit, die das Jahr über in den städtischen Kultureinrichtungen geleistet wird, profitieren davon nicht die Festivals? Sie greifen mit ihren »Events« das Publikum ab, das in den Städten mühsam herangezogen wird.
Messmer: Das kann man so sagen. Der gut verdienende Arzt, der zum Beispiel in Osnabrück an Musik herangeführt worden ist, besucht im Sommer dann eben Salzburg. Aber ich denke, man sollte solche Konfrontationen nicht aufbauen. Denn hier geht es vor allem um die Förderung. Es wäre schlimm, wenn diese den örtlichen Bühnen und Orchestern entzogen würde und stattdessen die Festspiele umso größere Zuwendungen erhielten. Wird hier kein Gleichgewicht gewahrt, geht das Kulturleben insgesamt kaputt.

Wie verhält sich Ihr Festival zum alltäglichen Musikleben in Landshut? Ergänzt sich das wechselseitig, oder sind es völlig getrennte Dinge?
Messmer: Mir ist bei unserem Alte-Musik-Festival wichtig, dass es eine Basis gibt, die im Ort verwurzelt ist. Sonst könnte man das überall machen. Es gibt in Landshut eine lange semiprofessionelle Alte-Musik-Tradition und dadurch auch ein heimisches Stammpublikum ebenso wie Landshuter Musiker, die beim Festival mitwirken. Dennoch sind die Hofmusiktage und das sonstige Musikleben in Landshut im Grunde getrennte Dinge. Ein Verein »Freunde der Musik« veranstaltet eine Abonnementreihe mit anspruchsvollen Kammerkonzerten mit dem Repertoire des 18. bis 20. Jahrhunderts. Viele Klassikfreunde fahren wohl auch nach München, das 40 Zugminuten entfernt ist. Umgekehrt zieht unser Festival viele Münchner, die Alte Musik lieben, nach Landshut. Mindestens 40 Prozent unserer Besucher kommen aus dem Großraum München.

Sie haben das Richard-Strauss-Jahr des Freistaates Bayern für 1999 konzipiert und bereiten derzeit das für 2014 vor. Gilt solches Jubiläumsgedenken nicht immer Musikern, die eh schon kanonisiert sind?
Messmer: Natürlich sind Gedenkjahre vor allem auf Menschen fokussiert, die prominent sind und dadurch auch zu einer Identifikations- und Projektionsfläche werden. Ich habe aber auch Gedenkjahre betreut für Werner Egk und Karl Amadeus Hartmann, die dem breiten Publikum weniger bekannt sind. Da hatten die Jubiläumsjahre eher die Funktion, die Werke dieser Komponisten der Öffentlichkeit nahezubringen. Selbst für Richard Strauss war 1999 noch Aufklärungsarbeit zu leisten, denn intellektuell denkende Musiker stellten ihn bislang eher an den Rand.

Aber seine Opern genauso wie seine Sinfonischen Dichtungen wurden landauf, landab gespielt.
Messmer: Dennoch war er nicht anerkannt. Die Gefolgschaft von Adorno etwa hat lange Zeit nur das Kritikwürdige an Strauss in den Vordergrund gestellt. Darum war 1999 so wichtig. Jetzt gibt es andere Aufgaben. Strauss war seinerzeit ein Förderer neuer Musik, und so wollen wir 2014 zeitgenössische Werke einbeziehen. Eine andere Aufgabe ist die Vermittlung seiner Musik an junge Menschen.

Strauss kooperierte anfangs mit dem NS-Regime, Hartmann boykottierte es, und Egk machte Karriere in Hitlerdeutschland. Wie sind Sie damit jeweils umgegangen?
Messmer: Meine Sympathien waren natürlich bei Hartmann, dessen Sohn mir sehr viel über die erstaunliche Biographie seines Vaters berichtet hat. Da ist man selbst mehr mit dem Herzen dabei, das ist klar. Zu Egk gab es ein Symposium, das aufgezeigt hat, wie sehr zu Beginn der Naziherrschaft, 1933 und in den folgenden Jahren, die Ideologie des Nationalsozialismus in kultureller Hinsicht seinen Vorstellungen entsprach. Das änderte sich beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Nach 1945 hat er diese Übereinstimmungen verleugnet, obwohl es von ihm selbst geschriebene Artikel gibt, die das belegen. Dadurch steht seine, wie ich meine, gute Musik nach wie vor unter einem Schatten und wird kaum gespielt. Daran konnte auch das Gedenkjahr nichts ändern; insofern hat es keinen nachhaltigen Erfolg gebracht.

Ist es nicht ein gesellschaftliches Problem unserer Tage, dass die Biographie eines Künstlers zur Beurteilung seiner Werke herangezogen wird?
Messmer: Wir leben in einer Zeit der politischen Korrektheit, da spielt die Biographie eines Künstlers eine Rolle, wenn sie problematisch ist. Das liegt zum Teil auch daran, dass es unter den Beurteilenden immer weniger Leute gibt, die von der Musik her kommen oder selbst Musiker sind. Da wird dann die Biographie für wichtiger angesehen als der künstlerische Gehalt eines Werkes, weil man ohnehin nicht in der Lage ist, den fachlich zu bewerten.

Wenn einem Komponisten nicht die gebührende Wertschätzung zuteil wird, kann da ein Gedenkjahr mit Kolloquium, Konzertzyklen und sonstigen Aufführungen wirklich helfen?
Messmer: Das Feiern von runden Geburtstagen prominenter Persönlichkeiten der Geschichte ist auch ein Ritual des öffentlichen Lebens. Dafür werden Mittel zur Verfügung gestellt. Für die normale Basisarbeit bekommt man heute kaum noch zusätzliche Mittel. Deshalb sollte man die Chance der Gedenkjahre umso besser nutzen, um dem jeweiligen Komponisten und damit der Kultur insgesamt einen nachhaltigen Gewinn zu verschaffen.

Angenommen, Sie müssten das Richard-Wagner-Gedenkjahr 2013 konzipieren, was sollte es leisten?
Messmer:
 Ich fände es wichtig, Richard Wagner mit der europäischen Musik seiner Zeit zu konfrontieren, mit Giacomo Meyerbeer oder Giuseppe Verdi beispielsweise. Es wäre doch wirklich sehr reizvoll zu zeigen, was seine Zeitgenossen geschaffen haben. Da ließe sich gut erkennen, wo Wagner anders und zukunftsweisend war und wo nicht. Sehr interessieren würden mich auch die kulturhistorischen Zusammenhänge: Woher stammen seine Ideen, auf welchen Traditionen fußt seine Musik? Spannend fände ich es auch, sich mit Wagner als »Revolutionär« auseinanderzusetzen. Was hat er gedacht, geleistet, gewollt und in welchen Zusammenhängen ist das zu sehen?

Um zum Anfang des Gesprächs zurückzukehren: Sie sind nicht nur Musikhistoriker, sondern auch Musiker. Wenn Sie sich 200 Jahre zurückversetzen, würden Sie lieber zu den reisenden Virtuosen gehören oder zu denen, die eine feste Anstellung haben?
Messmer: Ich würde lieber reisen. Trotz aller Strapazen. Ich bin auch jetzt immer noch jemand, für den Reisen ein lebensnotwendiges Elixier ist.

Interview: Claudius Böhm, Hagen Kunze