Leipzig - eine Musikstadt?

Drei Fragen an Johannes Brahms.

Herr Dr. Brahms – den Ehrentitel wollen wir nicht verschweigen –, ist Leipzig für Sie eine Musikstadt?
Wie bitte? Bezweifelt das jemand? Ich verstehe: Die Frage hat perfiden Hintersinn: Sicherlich möchten Sie mir andichten, dass ich selbst Leipzigs Ruhm kritisch gesehen hätte – schrieb ich doch 1853: »Mir graut vor diesem Leipzig!« Aber: Das war ja geradezu ein Ausdruck meiner Angst vor der Wirkungsmacht in dieser Stadt. Als Schumann vier Wochen nach unserem Zusammentreffen in Düsseldorf die Feder in die Hand nahm, um seinen Text »Neue Bahnen« in der Neuen Zeitschrift für Musik zu veröffentlichen, war ganz Leipzig auf mich gespannt. Zweifellos keine leichte Bürde, wenngleich die Entscheidung, nach Pleißathen zu kommen, schon vorher fiel, als Liszt mich dem Verlag Breitkopf & Härtel empfahl. Sagen wir es einmal so: An Leipzig führt kein Weg vorbei. Wer als Komponist erfolgreich sein will, muss hier gewesen sein. Bei mir allerdings dauerte es etwas länger, bis der Erfolg sich einstellte ...

... nämlich bis in die 1870er Jahre hinein. Dennoch gestatten wir uns die Frage: Welche persönliche Beziehung haben Sie zu Leipzig?
Im Nachhinein kann ich sagen: Sie ist trotz meines baldigen Zerwürfnisses mit Härtel zum Glück immer besser geworden, und als meine Klavierschülerin Elisabeth von Herzogenberg nach Leipzig zog, hat sie zusammen mit ihrem Mann auch einiges dafür getan, dass die Leute dort endlich meine Musik verstanden. Dabei war ich auch schon 1853 nicht unglücklich. Es waren doch lauter köstliche Leute, so herzlich und warm, die mich empfangen haben – ob nun Moscheles, David, Dessoff oder Wieck. Probleme hatte ich aber mit der Musikkritik in Leipzig. Die vernichtende Kritik meines ersten Klavierkonzerts 1859 war die größte Niederlage meines Lebens. Zum Glück hatte der Autor dann doch nicht Recht, als er schrieb, hier sei eine neue Komposition zu Grabe getragen worden. Aber wie das Leben so spielt: Als ich berühmt war, konnten mich die Leipziger gar nicht oft genug sehen. Vier Werke wurden hier uraufgeführt, die Sinfonien habe ich jeweils kurz nach der Uraufführung im Gewandhaus dirigiert. 1879 trug mir Bürgermeister Georgi sogar das Thomaskantorat an, vielleicht, weil ich mich zuvor intensiv mit Bach beschäftigt hatte. Damit wusste ich aber nichts anzufangen. Unter uns: Können Sie sich Brahms vor einem Knabenchor vorstellen? Chorarbeit kannte ich natürlich – aber in Hamburg war es ein Frauenchor, und in Detmold gab es auch ein paar Frauen.

Eine gute Überleitung für unsere letzte Frage nach dem touristischen Leipzig: 13 Mal waren Sie hier – gibt es einen Geheimtipp in Sachen Übernachtung?
Schon wieder kommt es mir vor, als ob die Frage doppelbödig sei, denn mittlerweile bin ich – gerade wenn etwas aus Leipzig kommt – vorsichtig. Mich hat das 1879 wirklich verletzt, was mir da zu Ohren kam. Ich bin ein humorvoller Mensch und mache gern mal einen Witz, der bei einem unverheirateten Mann auch etwas derber sein kann. Und die hiesigen Musiker? Die nehmen das für bare Münze und beschweren sich sofort, wenn sie erfahren, dass Georgi mich im Thomaskantorat sehen will, über meinen Lebenswandel. Ein wenig hanseatischer Freigeist würde Euch Leipzigern gut tun. Aber zurück zur Frage: Wenn ich nach Leipzig gekommen bin, habe ich mich jeweils auf mein gutes Glück verlassen. Zur Not aber auch auf die Sterne, die der Baedeker ja so vielen Leipziger Häusern vorsetzt. Das habe ich in den 1880er Jahren so an Elisabeth von Herzogenberg geschrieben. Gilt das eigentlich auch heute noch?

Interview: Hagen Kunze

Konzerttipps

Brahms-Zyklus im Gewandhaus: In den Konzerten des Gewandhausorchesters zwischen 10. und 19. Oktober und in den Kammermusiken am 20. Oktober, 8., 10. und 17. November sowie 1. Dezember.

Extratipp

Leonidas Kavakos wird als Geigensolist beim Brahms-Zyklus mitwirken. Seine Antworten auf unsere »Drei Fragen« sind exklusiv zu lesen auf www.gewandhausmagazin.de.