Rufus Beck im Interview

»Ich wäre gern Musiker geworden«, bekennt Rufus Beck. Zwar hat er sich seinerzeit anders entschieden. Ahnung von Musik hat er dennoch. Wir trafen den Schauspieler in Dresden nach einer Lesung aus dem »kleinen Nick« und sprachen mit ihm über den »kleinen Prinzen« – und über Musik.

Herr Beck, wie sind Sie zur Musik gekommen?
Rufus Beck: Ich habe mit elf Jahren im Internat begonnen, Gitarre zu lernen. Aber ich wusste bereits als Schüler, dass ich nicht bei der klassischen Musik bleiben will, sondern Jazz machen möchte. Die erste Platte, die mir mein Vater geschenkt hat, war eine Schellackplatte von Django Reinhardt. Schon das Bild auf dieser Platte hat mich fasziniert: Django Reinhardt, einer der berühmtesten Jazz-Musiker, spielte mit einer Zigarette im Mund auf seiner Maccaferri-Gitarre. Bald bekam ich eine zweite Platte von meinem Vater: Benny Goodmans berühmtes Carnegie-Hall-Konzert von 1938. So bin ich zur Musik gekommen, habe aber mit klassischer Gitarre angefangen, denn man kann ja nicht gleich mit Jazz beginnen. Um swingen zu können, müssen zumindest wir Europäer den Umweg über die Klassik nehmen. Mit 18, 19 Jahren musste ich mich dann entscheiden: Mache ich eine Aufnahmeprüfung am Konservatorium oder nicht? Ich war eh schon spät dran. Mein Instinkt riet mir, mich für die Schauspielerei zu entscheiden. Meine Liebe, die Musik, wollte ich als Hobby behalten.

Ist Ihnen das regelmäßige Üben als Kind schwer gefallen?
Beck: Da ich im Internat war und keine ehrgeizigen Eltern ständig neben mir stehen hatte, war mir das alles selbst überlassen. Ich habe trotzdem sehr viel geübt. Später, als ich mich für die Schauspielerei entschieden hatte, bin ich oft monatelang nicht zum Üben gekommen. Das lag aber nicht allein an fehlender Zeit oder dergleichen. Sondern ich hatte einen so hohen Anspruch an die Musik – was eigentlich blöd ist, wenn man das nur als Hobby macht –, dass ich das Instrument manchmal lieber stehengelassen habe, als ungeübt darauf zu spielen. Auch heute noch gibt es solche Phasen, wenn ich zum Beispiel längere Zeit unterwegs war und keine meiner Gitarren mitnehmen konnte. Normalerweise müsste man immer ein Instrument dabei haben und üben, anstatt im Hotelzimmer Fernsehen zu schauen. Heutzutage ist es auch viel leichter, an Jazz-Noten heranzukommen. Wenn man einen bestimmten Titel sucht, findet man auf Youtube meist ein Video, in dem jemand dieses Stück spielt, erklärt und manchmal sogar die Noten dazu liefert. Früher war es fast unmöglich, Jazz-Notenmaterial zu bekommen. Ich habe damals Platten auf Tonband überspielt und dann die Bänder mit halber Geschwindigkeit laufengelassen, um Note für Note abhören und aufschreiben zu können.

Was hat Ihnen die Musik damals bedeutet, und was bedeutet sie Ihnen heute?
Beck: Ich wäre gern Musiker geworden. Es gab damals nur eine einzige Schule, an der man hätte Jazz studieren können. Das war die Berklee School of Music in Boston. Von dort kommen alle Großen des Jazz her. Aber man macht wohl doch das Richtige im Leben – ich habe mich also anders entschieden. Dennoch finde ich den Beruf des Musikers nach wie vor viel interessanter als den des Schauspielers. Ich weiß, dass es schwer ist, als Profimusiker zu leben. Vor allem mit der Musik, die mich interessiert, also dem Jazz. Umso größeren Respekt habe ich vor allen, die sich dem Musikerdasein mit Haut und Haar verschrieben haben. Ich arbeite auch unheimlich gern mit Musikern zusammen; sowohl meine Hörbücher wie auch meine Live-Programme sind stark von dieser Zusammenarbeit geprägt. Mir schwebt dabei immer die besondere Verbindung von Musik und Sprache vor, wie es sie im Melodram gibt. Ich denke beispielsweise an Richard Strauss’ »Enoch Arden«. Ein tolles Stück – und ziemlich kompliziert. Da muss man hochkonzentriert in die Partitur schauen, denn Strauss hatte ganz genaue Vorstellungen, welches Wort mit welchem Akkord oder welchem Ton zusammengeht. Diese Verbindung von Musik und Sprache suche ich immer wieder. Bei beiden geht es um Intonation, Rhythmus und Dynamik. Ich denke auch in musikalischen Kategorien, wenn ich eine Buchlesung vorbereite. Dann frage ich mich: Wo sind schnelle Phrasen? Wo ist Dynamik wichtig? Wo gibt es besondere Akzente? Und überhaupt, was ist das für ein Genre: Ist das Schlager oder Musical, Bach oder Beethoven, Soul oder mittelalterliche Musik? Die »Blechtrommel« zum Beispiel ist für mich eine Mischung aus Ragtime, Dixie und manchmal auch Marschmusik. Wenn man das im Kopf hat, dann hat man beim Vortragen imaginäre Musik im Hintergrund. Ganz wichtig ist natürlich der Ton, den ich am Anfang finden muss. Den »kleinen Nick« beispielsweise kennzeichnet etwas Vorlautes, etwas leicht Aufgeregtes. Wenn Kinder aufgeregt sind, dann sprechen sie schneller und in einer höheren Stimmlage. Und schon hat man mit einem bestimmten Ton eine Figur gefunden.

Welche Musik fällt Ihnen zum »kleinen Prinzen« ein?
Beck: Zuerst fallen mir viele Instrumente ein, die dazu passen, die Celesta zum Beispiel. Es müsste eine Musik so ähnlich wie im »Karneval der Tiere« sein, wo mit verschiedenen Genres gespielt wird. Insgesamt aber eher melancholisch, träumerisch. Eine Musik wie ein warmer Sommernachmittag. Nichts Wildes, nichts Lautes.

Warum haben Sie den »kleinen Prinzen« noch nicht als Hörbuch eingesprochen?
Beck: Das haben schon viele andere getan. Mich interessieren in erster Linie Dinge, die noch niemand gemacht hat. Zum Beispiel habe ich ein ähnlich tolles Buch wie den »kleinen Prinzen« aufgenommen, und das gibt es jetzt wirklich nur einmal als Hörbuch: »Die Möwe Jonathan«. Da hat mir der Autor sogar einen Dankesbrief geschrieben, obwohl er gar kein Deutsch kann. Er hat einfach zugehört, als wäre meine Stimme ein Instrument. Und es hat ihm gefallen.

Der Kolumnist Harald Martenstein bezeichnete den »kleinen Prinzen« als »Richard Clayderman in Buchform: eine hübsch verpackte Banalität«. Sie teilen seine Meinung offensichtlich nicht?
Beck: Wenn ich eine derartige Abneigung gegen den Stoff hätte, würde ich ihn nicht vortragen. Aber das Wort »Banalität« finde ich interessant. Es gibt ein anderes französisches Wort, das sinngemäß das Gleiche meint, aber viel schöner und poetischer ist: Petitesse. Das mag ich. Wenn wir zum Bäcker gehen, wollen wir nicht jedes Mal ein Dreipfundbrot haben, sondern bisweilen nur eine kleine Brioche, um sie dann wie Marcel Proust in den Kaffee einzutunken. Das ist eine schöne Petitesse, und es wäre schade, wenn es sie nicht gäbe. Also, der »kleine Prinz« ist für mich ein wunderschöner Text, der zum Träumen einlädt.

In Leipzig werden Sie den »kleinen Prinzen« in Verbindung mit Musik vortragen, die Sie noch nicht kennen. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Beck: Da noch viel Zeit bis dahin ist, beschäftige ich mich momentan noch gar nicht damit. Generell jedoch lasse ich mich mittlerweile oft von meinen Erfahrungen leiten. Es gibt Sachen, die man sehr genau vorbereiten muss – wie etwa den »Enoch Arden« –, und andere, wo man sich von der Musik inspirieren lässt. Auf jeden Fall freue ich mich, dass es auch beim »kleinen Prinzen« ein Miteinander von Musik und Text geben wird. Diese Verknüpfung mag ich sehr. Bei der Produktion von Hörbüchern ist es oft schwierig, beides zusammenzubringen, weil der Aufwand so hoch ist. Aber es ist immer der Idealfall, wenn Musik und Sprache zusammenkommen. Ich habe viele Sachen gemacht, wo ich die Musik wie einen Soundtrack behandelt habe. An einen guten Soundtrack erinnert man sich, ohne dass die Musik in den Vordergrund drängt. Berühmtes Beispiel: die Filmmusik von Ry Cooder zu »Paris, Texas«. Oder alles von Ennio Morricone. Das sind manchmal ganz einfache Themen, das Mundharmonika-Motiv beispielsweise aus »Spiel mir das Lied vom Tod«. Wie Morricone das paraphrasiert und damit spielt, das ist toll. Und es passt ungemein gut. Da unterstützt die Musik wirklich die Szene.

Also hat die Szene Vorrang gegenüber der Musik?
Beck: Die Geschichte hat Vorrang. Alles muss der Geschichte dienen. Wenn das Bühnenbild wichtiger ist als die Geschichte, dann ist etwas falsch. Wenn sich ein Schauspieler wichtiger nimmt als die Geschichte, dann macht er vielleicht Sperenzien, die virtuos sind. Aber das, was der Zuschauer mit nach Hause nehmen will, ist die Geschichte und nicht die Zirkusnummer.

Heißt das auch: Wenn die Musik sich mehr einprägt als die Geschichte, dann ist etwas verkehrt?
Beck: Ja. Das Werk muss immer größer sein als das Ego. Das gilt für Dirigenten und Musiker genauso wie für Regisseure und Schauspieler. Das Problem in der klassischen Musik ist ja, dass alles schon gespielt wurde. Aber alle wollen ihre Geschichte erzählen, wenngleich manche nur eine Zirkusnummer daraus machen, so wie Lang Lang etwa, wenn er versucht, etwas besonders schnell zu spielen. Bei Glenn Gould gibt es das zwar auch: Mozart hat er wohl nicht sehr gemocht, er spielt ihn einfach zu schnell. Aber wie er Bach spielt! Es gibt Aufnahmen von Violinsonaten, da spielt er das Klavier, als ob ein Kind die Tasten sucht. Und dann setzt die Geige ein, als ob eine Katze an die Leine gehängt wird. Da muss etwas in ihm angeklungen haben, dass er das so gespielt hat. Und man merkt: Er hat diese Musik geliebt. Das ist doch wunderbar. Das hat etwas mit ihm zu tun, das kommt nicht von außen. Sagen wir es mal so: Was uns begeistert, sind Authentizität und Persönlichkeit. Ich habe kürzlich auf Youtube einen schwarzen Musiker gesehen, dessen Gitarre war total kaputt, sie hatte nur eine Saite. Trotzdem hat er auf dieser Saite wahnwitzige Läufe gespielt, hat getrommelt, dabei noch gerappt und gesungen. Er saß da an einer staubigen Straße irgendwo in Nigeria. Dieser Typ war pure Musik. Nur eine Saite! Also, man kann mit allem Musik machen, aber man braucht ein Herz dazu. Genau so ist es auch mit der Schauspielerei.

Stimmt es, dass Sie bisweilen selbst die Musik zu Ihren Hörbüchern komponieren?
Beck: Ja, aber das sind ganz einfache Dinge. Weil ich von der Gitarre komme und Probleme mit dem Keyboard habe, muss ich mir die Akkorde immer zusammensuchen. Also habe ich mir einen Gitarren-Synthesizer angeschafft, der das gleich in Noten überträgt. Ich habe bei meinen Hörbüchern immer ziemlich klare klangliche Vorstellungen – und die muss ich auch nicht in jedem Fall selbst umsetzen. Es gibt viele Musiker, die sehr schnell etwas damit anfangen können, wenn ich ihnen bloß ein paar Vokabeln sage. Dann entstehen oftmals wunderschöne Zwischenspiele zu den Hörbuchkapiteln. Dabei stelle ich an diese »Zwischenmusik« hohe Anforderungen: Die Leute sollen von dem, was gerade war, noch etwas mitnehmen, das Neue soll aber auch schon anklingen. Die Musik soll Raum für Emotionen schaffen, die Möglichkeit zum Träumen bieten und gleichzeitig das Interesse wachhalten.

Sie haben mit Ihrem Buch »Kinder lieben Märchen« eine Diskussion über Werte ausgelöst. Welche Werte stecken in der Musik?
Beck: Musik ist Ausdruck tiefster Emotion und Kontemplation, und sie ist universal. Gute Musiker können mit jeder Kultur kommunizieren. Ich glaube, das Ur-Ritual der Menschheit war die Musik. Man klopfte mit einem Stein oder einem Bambusrohr einen Rhythmus. Das rhythmische Schlagen ergab Klänge, Töne wurden erzeugt, und die Töne boten verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten.

Ist Musik ein Wert an sich?
Beck: Die Frage kann man ganz einfach mit einer Gegenfrage beantworten: Was wäre die Welt, wenn wir die Musik nicht hätten?

Nietzsches These »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum« unterschreiben Sie?
Beck: Sofort. Jedes Kind möchte singen. Man singt, wenn es einem gut geht, aber auch, wenn man sich fürchtet. Wenn man einen Hauptpreis gewinnt, jubelt man in höchsten Tönen. Musik ist also unser Ausdruck, und ich vermute, dass es die Musik schon vor der Sprache gab. Erst aus der Musik heraus, aus Rhythmus und Klang, hat sich die Sprache entwickelt. Der legendäre Jazz-Journalist Joachim-Ernst Berendt hat seinerzeit den ersten Satz des Johannes-Evangeliums abgewandelt: »Am Anfang war der Klang.«

Die Anfangsklänge können wehtun, wenn Kinder ein Instrument erlernen. Was haben Ihre Kinder von Ihren musikalischen Ambitionen abbekommen?
Beck: Sie haben Instrumente gelernt, vielleicht auch mir zuliebe. Denn ich habe ihnen nicht gesagt, sie müssten das tun, weil es wichtig für ihr Leben, ihr Vorankommen oder ihre Chancen wäre. Sondern ich habe ihnen nur gesagt: »Ich finde es so schön, wenn ihr spielt.« Das war meine Erziehungsmethode. Dabei war es manchmal auch schrecklich. Es dauert eben, bis die »Mondscheinsonate« eingeübt ist. Aber da muss man Geduld haben. Mein Sohn hat mit Gitarre angefangen, und es wäre super gewesen, wenn er dabei geblieben wäre. Ich habe so viel Gitarrenliteratur. Dann aber ist er zum Klavier übergewechselt, und meine Tochter hat auch mit Klavier angefangen. Sie haben alles mitgemacht, vom frühkindlichen Musizieren an, und ich glaube schon, dass es sie sehr geschult hat. Aber ich musste schließlich akzeptieren, dass es nicht ihre Ausdrucksform war. So hatte es keinen Sinn mehr. Mich hat auch niemand gezwungen, ich habe Musik immer aus freien Stücken gemacht.

Interview: Claudius Böhm, Hagen Kunze