Editorial

Der junge Mann, der aus dem Fenster der Leipziger Hochschule für Musik und Theater sieht, ist Martin Ackermann.

Der Klarinettenstudent gehört gemeinsam mit unserem »Titelmodel«, der Bratscherin Neasa Ní Bhriain, zu den Protagonisten unserer Titelstory »Zehn Jahre auf dem Eis«. Die Schlagzeile verdankt sich der Feststellung Ní Bhriains: Bis man als Profimusiker sicheren Boden unter den Füßen habe, stehe man »zehn Jahre lang auf einer Eisfläche«.

Das Zitat ist authentisch, nicht bestellt, nicht manipuliert. Umso erstaunlicher, wie gut es zu den beiden Anlässen für unser Titelthema passt: Vor zehn Jahren gründeten Gewandhausorchester und obengenannte Hochschule gemeinsam die Mendelssohn-Orchesterakademie. Im gleichen Jahr prägte die Wochenzeitung Die Zeit den Begriff »Generation Praktikum«, der 2006 bei der Wahl zum Wort des Jahres auf Platz zwei gelangte.

Das Titelthema dieser Ausgabe gilt allerdings nicht allein denen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. Mit dem Blick auch auf die »Aufhörer« beleuchten wir exemplarisch die zwei Marksteine einer Orchestermusikerkarriere: den schweren Berufseinstieg genauso wie den nicht unbedingt leichteren Berufsausstieg. Im Zusammenhang mit Letzterem fragen wir, welche Verabschiedungsrituale die Orchester pflegen und ob sie zu ihren Ehemaligen Kontakt halten.

Der Termin für die feierliche Verabschiedung von Georg Christoph Biller aus dem Amt des Thomaskantors steht fest: 18. Juni, 9.30 Uhr, Thomaskirche. Mit Biller verbindet unser Blatt viel. Wir sind zur gleichen Zeit »angetreten«: Am 29. November 1992 wurde Biller feierlich ins Amt eingeführt, wenige Tage später erschien die erste Ausgabe des Gewandhaus-Magazins – mit einem Porträt des neuen Kantors. Wir haben Biller seitdem etliche Male im Heft gehabt.

Diese Frage stellten wir ihm Anfang 1996: »Was möchten Sie einmal hinterlassen?« Er gab zur Antwort: »Stabile Verhältnisse.« Dass am Ende seiner Amtszeit weit mehr als nur derartige Verhältnisse zu konstatieren sind, verdeutlicht unser Beitrag »Ein moderner Leipziger Bach«. Mit diesem werfen wir einen ersten Gesamtblick auf die Ära Georg Christoph Biller.

Der anschließende Beitrag schildert die Thomaskantorwahl 1992. Aus deren Umständen wird klar, warum Biller noch Jahre später solchen Wert auf Stabilisierung legte. Interessant in diesem Zusammenhang ist, wie die Dresdner Mitte der 90er Jahre bei der Wahl eines neuen Kreuzkantors vorgegangen sind. Sie hätten es »geschickt gemacht«, sagt Roderich Kreile in unserem Interview. Ob man das auch von den Leipzigern anno 2015 sagen kann? Derzeit scheinen Zweifel angebracht.

Die Aufnahmeprüfungen für die Mendelssohn-Orchesterakademie, Immatrikulationsjahrgang 2015, haben mittlerweile stattgefunden. Von den 36 Bewerbern im Fach Klarinette hat es keiner geschafft, sich einen Akademieplatz zu erspielen. Gut, dass Martin Ackermann nicht nur einen einzigen Plan B, sondern noch mehrere Pläne in petto hat. Wir drücken ihm und selbstverständlich auch Neasa Ní Bhriain fest die Daumen.

Claudius Böhm

Editorial Nr. 87