VOM JAZZ BEFLÜGELT
Nikolai Kapustin, 31 Jahre jünger als Schostakowitsch, verbrachte sein Leben ab dem Studium in Moskau. Noch während er das Konservatorium absolvierte, entdeckte er den Jazz für sich, spielte und arrangierte für Big Bands, trat aber auch mit Sinfonieorchestern auf und begriff sich als Komponist im strengen, traditionellen Sinn. Seine Klangsprache ist wild und frei wie der Jazz – und geht doch perfekt in klassischen Formen auf. Höchster satztechnischer Anspruch, geschult an Bach und Beethoven, verbindet sich mit dem Geist der Improvisation. Akribisch notiert und präzise konstruiert ist seine Musik, und doch meint man, sie entstünde im Moment, in scheinbar spontaner Perfektion. Manchmal wünschte ich, ich könnte meine Vergangenheit neu schreiben und sie perfektionieren wie die Musik, die ich komponiere, sagte der Außenseiter, der am Liebsten zurückgezogen an Partituren tüftelte. Doch unser Leben ist Improvisation, immer spontan, immer im Moment und immer frei.
NERVEN WIE BASSSAITEN
Rhythmisch, harmonisch und pianistisch sind seine Werke höchst anspruchsvoll und fordern Solisten, die wie Kapustin klassisch ausgebildete Virtuosen und versierte Jazzer zugleich sind. Das vierte seiner sechs Klavierkonzerte aus dem Jahr 1989 rauscht ohne Unterbrechung Perkussions-befeuert dahin, halsbrecherisch energiegeladen, mit Spielfreude und Abenteuerlust.
VIEL SCHEIN UND NOCH MEHR SEIN
Schostakowitsch, der Alleskönner, schüttelte bei Gelegenheit auch Jazz aus dem Ärmel, war aber Stratege genug, nicht alles auf diese Karte zu setzen und den Flirt rasch wieder zu beenden, als es politisch nicht mehr opportun war. Die 5. Sinfonie aus Kapustins Geburtsjahr 1937 diente sich dem Stalin-Regime als gehorsamer Kniefall des abtrünnigen, scharf kritisierten Künstlers an. Nach der vernichtenden Kampagne gegen seine Lady Macbeth hatte Schostakowitsch die 4. Sinfonie vor der Uraufführung zurückgezogen, komponierte innerhalb kürzester Zeit um sein Leben die kurskorrigierende Fünfte und präsentierte sie der Öffentlichkeit als Werden einer Persönlichkeit, die durch Prüfungen gegangen ist. Die ersten Aufführungen ernteten tosenden Beifall, und die staatlich gelenkte Presse zeigte sich hocherfreut, dass der gemaßregelte Künstler wieder auf den rechten Weg zurückgefunden habe. Doch unter dramatischen Bedingungen ist ihm ein Werk gelungen, das akute Zwecke weit hinter sich lässt und über dessen Größe, Gehalt und Überwältigungspotenzial man nur staunen kann.
Text: Dr. Ann-Katrin Zimmermann