BESTE GELINGENSCHANCEN
Im Juli 1837 warf der Gatte geschwind in groben Zügen sein 2. Klavierkonzert aufs Papier, dann brach das frisch vermählte Paar zur Hochzeitsreise auf. Von dort ging es direkt zum Musikfest in Birmingham, dessen gigantische, bis zum letzten Platz gefüllte Town Hall eine stattliche Kulisse für die Premiere abgab. Während Mendelssohn noch fieberhaft am Konzert feilte, erfuhr seine Schwester Fanny von der wahren Hetze auf dem Musikfest, 4 Tage dauert es, und bis jetzt habe ich nicht weniger zu thun als den ersten Tag Orgel zu spielen, den 2ten Paulus zu dirigiren, den 3ten Clavier zu spielen, und den 4ten zum Schluß wieder Orgel zu spielen. [...] Außerdem noch in jedem Concerte eine Symphonie und eine Ouvertüre. Gottsschock! Es dauert bis zum 22sten September und den 30sten soll ich in Leipzig Probe halten, und den 1sten Oct. ist das erste Abonnement Concert. Das ist kein Spas. Kaum war die Gewandhaus- Saison eröffnet, stellte Mendelssohn sein überarbeitetes Opus 40 in Leipzig vor. Es klingt nachdenklicher, radikaler, introvertierter, gebrochener und pianistisch noch avancierter als das sechs Jahre ältere g-Moll-Pendant. Die Versuchung ist groß, biographische Gründe für das Unergründliche zu unterstellen: Während sich im 1. Klavierkonzert jugendliche Schwärmerei theatralisch Luft macht, lauscht das zweite dem stillen Glück des frisch vermählten Paares und gibt sich im Finale schierer Lebensfreude hin, die selbst mit Virtuosenfingern kaum zu fassen ist.
AUSSICHTSLOS SICHER
Mit der Jubiläumsspielzeit 1981, die auf 200 Jahre Gewandhaus-Konzerte zurückblickte, verband sich die Eröffnung des Neuen Gewandhauses. Den doppelten Feiereifer nahm der amtierende Nachfolger Mendelssohns, Kurt Masur, zum Anlass, Werke bei bedeutenden Komponisten in Auftrag zu geben. Am 5. November lotete Alfred Schnittke mit seiner 3. Sinfonie die akustischen Möglichkeiten des neuen Saals aus. Motivisches Material aus Monogrammen etlicher Komponisten fand ebenso in die Partitur wie deren barocker, klassischer und romantischer Tonfall. Utopisch schön fügt sich Schnittkes selbst so genannte Polystilistik zur kaleidoskopischen Collage: Ich möchte erwähnen, dass alle Antiquitäten in meinen Stücken von mir nicht gestohlen, sondern gefälscht wurden. Unter den 111 Musikern prägen auch Orchester-Exoten wie E-Gitarre und Cembalo das unaufhörlich changierende Klangbild. Richtige Zitate kommen fast nicht vor, aber die Musik weckt ständig Erinnerungen, betonte Schnittke und räumte ein, auch harte Tritonüsse zum Knacken zu geben: Unmögliches hat in der Kunst Gelingenschancen, das Sichere ist immer trügerisch und aussichtslos.
Text: Dr. Ann-Katrin Zimmermann