WAS GEHT
Man wird von Alter sprechen, von letzten Werken und Dingen, von Abschied vielleicht, und von Vermächtnis. Man wird die dunklen Abgründe fürchten, die Dissonanzen und dynamischen Zumutungen, das Nichts der Generalpausen vielleicht, und die Starre hinter dem letzten Schlussstrich. Doch hat Herbert Blomstedt solches im Sinn? Bewegung und Lebensmut titelte die Presse, als er Bruckners Fünfte mit seinem anderen sächsischen Orchester, der Staatskapelle, zuletzt darbot, und schrieb 2026 von frohem Aufbruch, größter Wachheit und Traumkonstellation, von Gipfelpanorama, Farbe und Glanz des Himmels und natürlich von Begeisterungsstürmen.
WAS KOMMT
Bruckners 5. Sinfonie fängt nicht dort an, wo sonst seine Sinfonien beginnen – diesen Punkt erreichen wir erst nach einigen Minuten. Die Fünfte beginnt schon vorher. Wie in einer Zeitreise geleitet »altehrwürdiger« Kontrapunkt in nicht zu überbietender Komplexität verbunden mit Choral durch die musikalische Vergangenheit in die Gegenwart der Sinfonie. Ihre Schlusstakte werden mit visionärer Ekstase in die Zukunft entsenden. Alles in der 5. Sinfonie zielt auf die überwältigende, erhabene, ehrfurchtgebietende Größe dieser Klänge. Das Höchste – so suggeriert es Bruckners Musik geboren aus Blomstedts Geist – strebt zu Gott, öffnet sich geradewegs in den Kosmos und geht in der wunderbaren Weltordnung des Schöpfers auf.
WAS BLEIBT
Vor der Größe solcher Kunst ändert Zeit ihre Qualität. Was sind Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte vor einer Stunde Bruckner unter Blomstedt? Worin gründen Whitney Houstons »One Moment in Time« und Parsifals »Zum Raum wird hier die Zeit«? Welche Antwort hat Augustinus auf die Frage »Was also ist Zeit?«, wenn ihn niemand fragt? Was bringt Hofmannsthals und Strauss’ Marschallin auf ihre Gedanken zu diesem »sonderbar Ding«, das »gar nichts« ist und doch alles Fühlen und Tun bestimmt? Es ist die Musik. Musik spielt immer auf Zeit, geht mit der Zeit und fällt aus der Zeit. Musik braucht alle Zeit der Welt. Und alle Welt braucht allzeit Musik.
Text: Dr. Ann-Katrin Zimmermann