IM FLUSS
Am Wasser, so berichten Mythen vieler Kulturen, entspringt Musik. Verführerisch singende Sirenen und tanzende Quellnymphen sind dort in ihrem Element, Liebeslieder und Seesinfonien sind Bächen und Ozeanen abgelauscht. Eine tiefe Verwandtschaft verbindet Wasser und Musik: Sie strömen, sind fortwährend in Bewegung, durch nichts zu greifen, treiben oder reißen mit sich fort, murmeln geheimnisvoll oder brausen ohrenbetäubend. Für Smetana fließen in der Moldau Natur- und Heimatliebe zusammen. Klein und klar aus Flöten und Klarinetten perlend passiert sie Wälder und ländliche Szenen, bricht das Mondlicht, schwillt an zum Felsen flutenden Fluss, spiegelt als Strom die Silhouette bedeutender Bauwerke. Immer im Wandel und doch dieselbe, musikalisch sinnfällig als Rondo mit gleichbleibendem, variiertem Grundthema und wechselnden Episoden ist die Moldau Nationalsymbol und zugleich Projektionsfläche für Lebens-Läufe.
IM BILD
Wer durch eine Ausstellung wandelt, erlebt Wandel und Verwandlung auf unterschiedliche Weise. Den Wandel von Werk zu Werk, das Voranschreiten und Verharren, formt Mussorgski zum Klavierzyklus. Die Idee ist genial: Hier nimmt die musikalische Rondo-Folge Bilder einer Ausstellung auf, zusammengehalten vom Refrain, der das Wandeln von Bild zu Bild verbindet. Die Kunstwerke, konkret inspiriert von einer Gedächtnisschau für den früh verstorbenen Malerfreund Viktor Hartmann, wandeln sich zu kleinen Szenen unterschiedlicher Stimmung. Farbe verleiht ihnen der kongeniale Orchestersatz von Maurice Ravel, 1922 im Auftrag von Serge Koussevitzky entstanden. Die reglosen Gemälde geraten in Bewegung, Farben und Formen werden zu Klang und wirken zurück auf die Promenade des Betrachters. Auch sein Refrain verwandelt sich, wie der Betrachter im Spiegel der Gemälde, und der Gang durch die Ausstellung wird zum Gang durch ein ganzes Leben – zum Lebens-Wandel.
Text: Dr. Ann-Katrin Zimmermann