Von der zunehmenden Erwärmung des Klimas sind die hochverdichteten Innenstädte mit ihrer wärmespeichernden Bebauung besonders betroffen. Beton, Steine und Asphalt heizen sich auf und geben die Wärme nur langsam wieder ab, kühlendes Regenwasser jedoch fließt zu schnell in die Kanalisation, sodass Extremwetterereignisse wie Dürre oder Starkregen besonders katastrophale Auswirkungen entfalten können.
Die Anpassung an den Klimawandel und die Verbesserung des Stadtklimas sind essenziell für die Lebensqualität in Leipzig. Innovative Ansätze, wie die Entwicklung zu einer Schwammstadt*, zielen darauf ab, den Umgang mit Regenwasser zu optimieren und die städtische Hitzebelastung zu reduzieren.
Vor allem das Areal des Gewandhauses und die bebauten benachbarten Bereiche werden in der Stadtklimaanalyse Leipzigs als klimatische Sanierungsbereiche mit ungünstigen bis sehr ungünstigen Belastungssituationen ausgewiesen. Solche Hitze-inseln bergen gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung. Auch im Gewandhaus selbst sind die Folgen des Klimawandels bereits spürbar. Die Erwärmung innerhalb des Konzerthauses während der Sommermonate nimmt von Jahr zu Jahr kontinuierlich zu, sodass der technische Aufwand zur Kühlung der Innenräume immer höher wird und damit die Kosten der Klimatisierung stetig zunehmen.
Mit der Unterstützung verschiedener Leipziger Ämter sowie wissenschaftlicher Institute (verbunden im „Gründach Think Tank der Stadt Leipzig“) geht das Gewandhaus als kommunale Einrichtung der Stadt Leipzig in Fragen der Klimaanpassung nun voran und hat 800 Quadratmeter seiner Dachfläche zum Gründach umgebaut und dafür knapp 2.000 Pflanzen gesetzt sowie 20 Kilogramm Pflanzensamen ausgesät. Für das Gewandhaus wirkt das Gründach als zusätzliche Dämmschicht und verbessert die Wärmedämmung des Daches. Temperaturschwankungen werden reduziert und es kann Verdunstungswärme (Kälte) entstehen. Das Gründach trägt somit zu Energieeinsparmaßnahmen im Gewandhaus bei, indem die technische Klimatisierung unterstützt wird. Außerdem hilft die Substratschicht, Schallreflexionen im Inneren zu reduzieren.
Im besten Fall dient das Gründach auch als Lebensraum für Insekten und andere Tiere und Pflanzen, welchen in einer stark verdichteten Innenstadt kaum noch Lebens- und Nahrungsräume finden. Somit leistet das Gewandhaus auch einen Beitrag zur Förderung der biologischen Vielfalt. Im Jahr 2024 wurde in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung (Dipl.-Ing. Toralf Schmidt) der technische Bau des Gründachs fertiggestellt (De- und Wiedermontage der Blitzschutzanlage, De- und Wiedermontage der Stadtbeleuchtung, Kiesabsaugung, Sanierung der Regenwassereinläufe, Aufbringen des Wurzelschutzes, Neubekiesung, Aufbringen der Substratflächen, Bepflanzung).
Die Auswahl der Pflanzen oblag Dr. Peter Otto vom Institut für Biologie der Universität Leipzig (Molekulare Evolution und Systematik der Pflanzen). Mit seiner Unterstützung wurde die Bepflanzung durchgeführt von der Fa. Galabau Heidel. Die Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK Leipzig) und das UFZ nutzen das Gewandhausgründach als Forschungslabor. Unter Leitung von Dr. Martin Weisbrich von der HTWK Leipzig wird beispielsweise eine Messtechnik entwickelt, die den Erhalt und die Pflege von großen Gründächern vereinfachen kann. Dazu testen die Forschenden ein Glasfaser-Messverfahren, das Rückschlüsse zur Feuchte und zum Zustand des Gründachs erlaubt und auf diese Weise Frühwarnsignale sendet, bevor die Pflanzen durch zu große Trockenheit absterben. Auch für das UFZ wird das Gründach auf dem Gewandhaus ein wichtiges Demonstrationsobjekt. Im Rahmen eines von Umweltbiotechnologin Dr. Lucie Moeller geleiteten Projektes zur Validierung des Klimaanpassungspotenzials blau-grüner Infrastrukturen im urbanen Raum (ValiGrün, finanziert von EFRE/SAB) planen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem die Installation weiterer Messtechnik zur Messung mikroklimatischer Effekte von Gründächern.
Neben den zahlreichen technischen Maßnahmen hat das Gewandhaus die Verpflichtung zu energieeffizientem und klimabewusstem Handeln auch in seinen Unternehmenszielen verankert und einen Mitarbeiter zum Transformationsmanager »Nachhaltige Kultur« ausgebildet. Dieses strategische Ziel beeinflusst zukünftig auch die Tourneeplanung des Gewandhausorchesters, die nachhaltig optimiert werden soll. Innerdeutsche Reisen werden nur noch mit dem Zug durchgeführt. Bei internationalen oder interkontinentalen Tourneen wird darauf geachtet, mindestens zwei oder mehr Konzerte pro Land zu spielen und auch in den Gastgeberländern zwischen den Konzertorten möglichst mit dem Zug zu fahren. Außerdem sollen Charterflüge künftig weitgehend vermieden werden.