Eine halbe Uraufführung

12.11.2025  ·  Herbst-Tournee NOV 2025

Auf dem Programm unseres zweiten Tournee-Konzerts am 11. November 2025 im Wiener Musikverein stand neben dem Violinkonzert von Johannes Brahms mit dem fantastischen Augustin Hadelich die fis-Moll-Sinfonie op. 41 von Dora Pejačević, die an diesem Tag erstmals vollständig im Musikverein erklang – 107 Jahre nach der Uraufführung zweier Sätze am selben Ort.

Als Dora Pejačević (1985–1923) im Januar 1918 ihre Sinfonie in fis-Moll im Wiener Musikverein vorstellte, sollte es ein großer Moment werden: die Uraufführung ihres bedeutendsten Werkes und das im Goldenen Saal! Doch statt der geplanten vier Sätze erklangen lediglich zwei.

Warum das Werk nicht vollständig aufgeführt wurde, bleibt bis heute unklar. Mögliche Gründe dafür könnten gewesen sein, dass der erste Weltkrieg auch das Musikleben fest im Griff hatte. Notenkopisten waren knapp, viele Musiker standen im Kriegsdienst und die Probenzeit war stark begrenzt. Zudem war das Konzertprogramm bereits überfüllt. Mit Werken von Beethoven, Liszt und Mozart blieb schlicht kein Platz für eine spätromantische, groß angelegte Sinfonie. Besonders bitter: Aus Angst vor einem Boykott der Gäste wurde der Name der Komponistin im Programmheft verschwiegen. Erst nach dem Applaus erfuhr das Publikum, dass diese Musik von einer Frau stammte. Am 11. November 2025, mehr als einhundert Jahre später, erklang das Werk endlich vollständig und Dora Pejačević erhielt in Wien durch das Gewandhausorchester und Andris Nelsons die Anerkennung, die ihr damals verwehrt blieb.

Dora Pejačević und das Gewandhausorchester

Die fis-Moll-Sinfonie von Dora Pejačević erfuhr im Jahr 1920 ihre vollständige Uraufführung in Dresden. Zwei Jahre später hatte Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch die Sinfonie auf den Spielplan gesetzt, konnte sie aber nicht mehr dirigieren, weil er kurz vor dem Konzerttermin verstarb. Das Werk der Komponistin wurde nach Nikischs Tod vom Programm genommen und erlebte erst einhundert Jahre später, im Jahr 2022, unter der Leitung von Andris Nelsons seine Gewandhaus-Erstaufführung.